Sonntag, 10. August 2008

1. Bericht aus Togo, August

Das Seminar

Ich bin am 25.7 mit all meinen Sachen aus Hamburg abgereist, zunächst nach Berlin aufs Vorbereitungsseminar meiner Entsendeorganisation. Dort waren wir insgesamt um die 70 „Zivi-Ersatzdienstleistende“ (heißt FSJler) und ein paar Teamer. Der Großteil der Seminarteilnehmer geht nach Lateinamerika, darunter Mexiko, Honduras, Bolivien, Ecuador. Nur vier gehen nach Afrika, 2 nach Kenia und Robert und ich nach Togo. Das Seminar hat sehr viel Spaß gemacht, weil einfach eine Menge knorke und interessante Leute dabei waren mit denen man sich was zu erzählen hatte. Themen des Seminars waren u.a. Diskriminierung, Kinderarbeit, Globalisierung, Asyl in Deutschland, Migration, Ausbeutung…kurz: 10 Tage interessanter Gemeinschaftskunde (Politik/Gesellschaft)-Unterricht, wovon man vieles schon wusste. Gelernt hat man dass Kapitalismus scheiße ist, auf Togo vorbereitet hat es kaum. Wir beiden Togo-Reisende hatten noch das Glück, dass ein Waschechter Togolese für zwei Tage da war, der seit sieben Jahren um sein Asyl- bzw. Bleiberecht kämpft, um monatlich 80 € seiner Familie in Togo überweisen zu können. Das war wirklich mal interessant und bewegend.

Die Reise & Lomé

Vom Seminar ging es für uns Togolesen dann am 4. August nach Frankfurt zum Flughafen, und von da an war man schon ganz froh nicht ganz alleine reisen zu müssen. Wir sind über Nacht geflogen, ca. 7 Stunden nach Addis Abeba (Äthiopien), wobei wir allerdings kaum schlafen konnten, weil wir ständig wegen irgendwelcher Mitternachts-Mittagessen von den Stewardessen geweckt wurden. War sowieso nicht besonders bequem und vor allem zu kalt klimatisiert, aber gegen Ethiopean Airlines ist sonst eigentlich nichts einzuwenden. Addis Abeba war ziemlich verregnet und tatsächlich war die Stadt von oben nicht allzu stark von einer kleinen europäischen Stadt zu unterscheiden. Von Addis sind wir dann direkt weiter nach Lomé (Togo) geflogen, und Lomé sieht schon eher so aus wie man sich Afrika vorstellt (Ich zumindest). Bei youtube gibt es eine paar Videos aus Lomé, die einen recht realitätsnahen Eindruck vermitteln können. Sehr viele schwarze Menschen, Palmen, orangefarbene Lehm-“Straßen“, keine großen Häuser sondern viele kleine „Häuser“ aus Beton, Lehm, Wellblech und Holz, lauter Kinder die auf den Lehmwegen spielen – mal mit Sand, Stock, Reifen, Tasse, selten ein kaputter Ball - , fast ausschließlich kaputte und heruntergekommene Autos aus Europa, viele „Motos“ (Roller, Mofas), Ziegen, Hühner, Eidechsen, Frauen und Mädchen, die Wasser, Bananen, Stöcker, … auf dem Kopf tragen. Alle kucken uns Weiße an. Keiner scheint etwas zu tun, viele sitzen vor ihrem spärlich bestückten „Laden“ wo es etwas Wasser, mal Klopapier, Kakao, und sonstige Kleinigkeiten zu kaufen gibt. Diese kollektive „Armut“ zu sehen, wie ich sie mir natürlich nicht gewünscht aber erwartet habe zu erleben, ist doch etwas schockierend. Arm natürlich auch nur, wenn man europäisch vorgeprägt ist. Hier geht es jedem so, und da man seinen eigenen Wohlstand ja wohl an seinem Umfeld misst, geht es allen gut, schätze ich mal. Es läuft also, nur insgesamt auf einem ganz anderen Level als man es gewohnt ist. Es kommt schon vor, dass man einen TV oder DVD-Player sieht, Dusche hingegen habe ich bis heute noch keine funktionierende gesehen und Wasserklos sind die Rarität. Warmwasser hat man nicht und braucht man nicht. Absolut keines der hier fahrenden Autos würde in Deutschland durch den TÜF kommen. Es ist bestimmt überhaupt nicht übertrieben zu sagen, dass alle Autos die in Deutschland auf den Schrottplatz kommen in Togo noch gut 10 Jahre überleben.

Vom Flughafen hat uns Theo, ein etwas eigenartiger Typ von Campagne des Hommes (CDH), der Organisation hier für die wir Freiwilligen arbeiten, abgeholt. In einem „Auto“ sind wir dann irgendwohin gefahren wo wir bis zum nächsten morgen geblieben sind. Tagsüber sitzt man hier viel vor seinem Haus rum, kuckt, redet, schneidet sich mit einer Rasierklinge die Nägel, bewegt sich so wenig wie möglich. Im Moment ist Regenzeit, dass heißt ab und zu regnet es ziemlich viel und doll, aber nicht täglich zur selben Uhrzeit, wie ich ursprünglich dachte. Es ist für unsere Verhältnisse immer noch ziemlich warm und recht schwül. Bestimmt so 30°C, aber das kann ich nur schätzen. Ich freu mich schon auf die Trockenzeit.

Abends in Lomè sind wir mit Theo irgendwohin gefahren um den Chef von CDH, Horace, zu treffen. Den haben wir aber nicht gefunden, auch nicht nach langem rumfahren, rumtelefonieren, und andauernd laaaangem Warten an jeder dritten Straßenecke. Da haben Robert und ich dann schon mal daran gedacht, dass Theo uns eigentlich sonst wohin verschleppen könnte und wir müssten ihm blind vertrauen. Unsere gesamten Sachen waren währenddessen in dem Haus, wo wir am Nachmittag hingefahren waren. Da hätte locker jeder einbrechen können und hätte für den Rest seines Lebens in Togo ausgesorgt. Aber bisher lief alles gut. Am nächsten Morgen haben wir dann in aller Frühe auch Horace getroffen und sind mit ihm und Theo nach Kpalimé gefahren.

Kpalimé

Haus

In Kpalimé sind wurden wir ganz spontan direkt zu unseren Gastfamilien gebracht. Alle Gastfamilien gehören zu CDH, und sind – vermutlich auch durch die Freiwilligen – für die hiesigen Verhältnisse recht reich. Nachdem was ich in Lomé erlebt hatte, habe ich mich richtig über die funktionierende Spülung im Klo gefreut. Klopapier gab es allerdings vorerst nicht, bloß alte Zeitungsschnipsel. Aber ich wohne in einem richtigen Haus mit Hof. Um fast alle richtigen Häuser inkl. Hof sind etwa 2m hohe Steinmauern gebaut. Warum weiß ich noch nicht genau, vielleicht zum Schutz in schwierigen Zeiten. Ich habe ein kleines Zimmer mit Bett und Matratze, ein Tisch und zwei Fenster mit Eisenstangen. In Deutschland käme das ganze einem Knast ziemlich ähnlich, aber hier ist das ganz normal und ich fühle mich wohl. Bettdecke / Kopfkissen gibt es nicht, man legt sich einfach auf die Matratze und schläft. Der Fußboden ist im ganzen Haus aus Beton, ist sehr praktisch zum sauber machen und sieht ziemlich oll aus. An den Decken sind im ganzen Haus (fast alle Häuser sind einstöckig) alte Wasserflecken, scheinbar regnet es manchmal etwas durch. Die Küche ist ein kleiner Raum mit Fenster. Darin ist ein Hocker, eine Ablage für schmutziges Geschirr, zwei Holzstäbe zum stampfen.

Das Essen und Trinken

Gekocht wird immer in offener Flamme, d.h. man stellt einen Topf auf eine Art andern Topf aus Ton (Ofen) indem Holzkohle drin ist und im oberen Topf kocht man das Essen. Bis auf das Fenster gibt es keinen Abluftschacht oder so, und immer wenn gekocht wird ist das ganze Haus verraucht. Meine Zimmertür kann man auch nicht zumachen, da hängt nur ein Vorhang vor. Zu essen hatte ich bisher einige gängige Gerichte mit Reis, Spagetti, Bohnen oder Brei. Der Brei ist entweder aus Mais, Maniok, Yam oder Kochbananen, und Brei ist man eigentlich jeden Tag. Dazu gibt es irgendeine Soße, fast immer mit Tomaten, Zwiebeln, mal Bohnen, oft etwas Fisch oder Hühnchenstückchen. Vom Fisch isst man eigentlich alles, neben Kopf und Flossen auch die Greten. Ich halt mich da meist noch etwas zurück. Mein kleiner Gastbruder isst sogar die Knochen vom Huhn. Zum Nachtisch Bananen, grüne Orangen, oder andere Früchte die ich nicht kenne und für die es auf Französisch kein Wort gibt, die aber gut schmecken. Zu trinken gibt es nur Wasser, morgens kann man sich auch Tee, „Kakao“ oder „Kaffee“ machen. Da es hier keine Kühe und keine Kühlschränke gibt, gibt es allerdings keine Milch. Stattdessen nimmt man so eine Art gezuckerte Kondensmilch, die süß und super ekelhaft ist. In Lomé wurde mir Kaffee und Kakao aufgezwungen und da habe ich echt fast gekotzt. Die Togoer trinken das Wasser aus dem Wasserhahn. Ich hab aber noch nicht raus gefunden wo das herkommt und mir wurde abgeraten davon zu trinken. Im Moment trinke ich noch Wasser aus 500ml Plastiktüten, die hier auch gängig sind. Bisher hat das Wasser immer sehr nach Plastik geschmeckt. Vielleicht steige ich doch wieder auf PET-Flaschen um, wobei es die hier auch nur zu europäischen Preisen gibt und kein Togoer auf die Idee käme oder das Geld hätte das zu trinken (350 CFA = 50ct die 1,5 Liter Flasche). Aber das PET-Wasser ist auf jeden Fall sauber und schmeckt sogar fast ganz normal.

Morgens isst man Brot, so eine Art Baguette. Mittags und abends isst man warm. Insgesamt schmeckt es aber doch lecker. Beim Fisch darf man halt nicht so genau hinkucken. Wie die ganzen Gerichte heißen kann ich mir noch nicht merken. Ich esse meistens alleine oder mit meinem Gastvater oder anderen Freiwilligen. Die ganze Familie isst nie zusammen.

Meine Gastfamilie

Als Weißer steht man hier natürlich immer im Mittelpunkt. Auf der Straße kucken einen alle an, ein paar Leute grüßen, manche stellen sich vor, die Kinder winken und rufen „Jovo“ (=weißer). Nach meinem ersten tag hatte ich sofort 100 neue Freunde, und es werden täglich mehr. Viele kennen mich, aber ich kenn keinen. Meine Rolle als Weißer hier habe ich noch nicht ganz gefunden, und es ist schwer damit umzugehen. Ich bin für alle grundsätzlich reich und das stimmt einfach auch. Es ist Pflicht auf dem Markt hier zu handeln, und finde es im Moment noch ironisch und komme mir fast demütigend vor, wenn ich für einen Spottpreis ein dummes Gesicht mache, sage wie teuer ich das fände, und dann einen noch niedrigeren Preis aushandele. Aber wenn man sich über ein Jahr hier halbwegs integrieren will, kann man auch keine Jovo-Touri-Preise bezahlen. Es ist allgemein schwer, nicht in die Geber-Rolle zu verfallen. Als meine Gastgeschwister in meinen Koffer gekuckt haben sie erstmal tierisch gestaunt und haben mir dann sofort Duplo, Gummibärchen und Stifte abgenommen. Das meiste habe ich mir später heimlich zurück erobert, weil einige Sachen vielleicht auch noch für das Waisenhaus vorgesehen sind. Da ich ja nicht wusste in was für eine Gastfamilie ich komme, habe ich einfach mal alles Mögliche an Gastgeschenken oder sonstigen evtl. nützlichen Dingen mitgenommen. Auch so Sachen wie Kartoffelschäler, Feuerzeuge, Fußball, Frisbee, …

Meine Gastfamilie ist absolut cool. Mein Gastvater heißt Richard („Rischah“), ist dick, sehr freundlich und lacht immer, kann ein bisschen deutsch aus der Schule (habe ich auch noch nicht ganz verstanden), locker und sympathisch. Er arbeitet für CDH u.a. auf dem Feld. Meine Gastmutter heißt Therese. Ich habe sie noch recht wenig gesehen, weil sie morgens bis abends arbeiten ist in Lomé. Aber sie ist auch sehr fröhlich und freundlich und nett. Ich habe 2 große Gastschwestern, Rita und Janne, die 14 und 15 sind und den ganzen Haushalt hier schmeißen. Die kochen für mich und die ganze Familie, waschen ab, fegen das Haus, machen die Wäsche. Was die hier machen grenzt für mich fast an Sklaverei oder zumindest Kinderarbeit, aber sie lassen sich auch kaum helfen. Meine Wäsche habe ich neulich schon einmal gewaschen. Das macht man im Hof in einem Eimer mit kaltem Wasser und Seife. Man reibt dann die Klamotten so an einander und haut ordentlich Seife dazu. Wird nie ganz sauber und riecht etwas eigenartig, vor allem wegen der hohen Luftfeuchtigkeit trocknet es nicht so gut und müffelt immer ein bisschen. Aber eigentlich stinken sowieso alle ein bisschen, weil man bei der Hitze immer sehr am schwitzen ist. Vor allem wir Jovos.

Weitere Gastgeschwister sind Laure (6), Dominique (6) und Gerome (0). Viele Kinder zu haben ist hier völlig normal. Laure und Dominiqe sind ober süß und nervig und kleben mir ständig an der Backe. Mit denen habe ich im Moment bei weitem am Meisten zu tun. Sind mir auch schon gut ans Herz gewachsen. Die schleichen sich ständig in Mein Zimmer und erschrecken mich. Abends klappt es immer am besten, weil sie in der Dunkelheit so gut getarnt sind. Hell wird’s hier übrigens um 5 Uhr morgens, es dämmert um ca. 18:00 Uhr und um 18:15 ist es stockfinster. Während ich gerade im Schneidersitz auf meinem Bett an meinem Laptop sitze und diese Email vorschreibe, liegt Dominque gerade mit dem Kopf auf meinem Bein und ist eingepennt.