In Agou kehrt langsam der Alltag ein, auch wenn ich immer noch keine verschließbaren Fenster habe und der Regen in mein Zimmer fällt. Die Regenzeit geht aber nun langsam ohnehin in die Trockenzeit über, also kein Problem. An die Luxusabsenz gewöhnt man sich, meine lieben Mitfreiwilligen sind sogar so weit, dass sie sich regelmäßig darüber mokieren, dass ich einen ganzen Eimer Wasser zum Duschen nehme und nicht bloß einen halben.
Mein erster Arbeitstag als „Professeur du Sport“ am Collège Agou-Apegamé kam relativ abrupt. Eigentlich hieß es, ich würde zusammen mit meinen Mitfreiwilligen und –Bewohnern Robert und Lina an einem Collège Englisch und Sport unterrichten, dann sollten plötzlich zwei Freiwillige an einem Collège und einer alleine an einem anderen unterrichten, alle drei zusammen in der restlichen Freizeit in einem Kindergarten aushelfen. Wie so oft hier, gibt es keinen verlässlichen Plan, sondern alles entscheidet sich spontan.
So wurde ich dann ein paar Tage später meinem gesamten Collège als studierter Sportprofessor präsentiert, es hieß „Bist du bereit?“ und ich stand -alleine- vor 45 Schülern und sollte unterrichten. Sportmachen ging nicht, weil der Sportplatz noch nicht gerodet wurde, also habe ich mir 55 Minuten lang – wohl gemerkt auf Französisch – Sporttheorie über Disziplin, Respekt, Ausdauer und Teamgeist aus den Fingern und aus dem Lexikon gesogen.
In meine Rolle als Lehrer habe ich mich mittlerweile sehr gut hineingefunden.
Mein täglicher Arbeitsplatz ist ein mittlerweile mehr oder minder gemähter Fußballplatz, der mit Hügeln, Schlaglöchern und Grasbüscheln durchzogen ist. „Gemäht“ wurde an zwei Montagen von allen Schülern, über die ich - glücklicherweise mit einem anderen Lehrer zusammen - Aufsichtführen sollte. Da stand ich Yovo dann vor rund 200 schwarzen Schülern, zum teil älter als ich, die vor mir mit einer Machete das Gras und die Sträucher weghauen sollten, und ich sollte Kommandos geben. Mit gemischten Gefühlen eines amerikanischen Boot-Camp-Supervisors und Sklavenhalter habe ich mir nicht anmaßen können auch nur ein Wort zu sagen, zumal ich bis heute keine Ahnung habe, wie die das mit der Machete fertig brachten. So stand ich während der meisten Rodungszeit tatenlos am Rand, und habe über Industrialisierung, Rasenmäher, Arbeit und den Sinn des Lebens im Ganzen philosophiert.
An meinem kleinen Busch-Collège (6.-9. Klasse) in Agou-Apegamé unterrichte ich alle vier Klassen je zwei Wochenstunden in Sport, und noch einmal vier Wochenstunden an einem anderen Collège in Agou-Gare, wo meine Mitfreiwilligen Robert und Lina gemeinsam unterrichten. Das klingt vielleicht nicht nach viel Arbeit, aber auch eine Sportstunde, besonders unter den hiesigen Bedingungen, will gut vorbereitet sein. Und natürlich befinde ich mich selbst noch im Lernprozess, habe viel Verantwortung und reichlich Gestaltungsfreiraum, denn ich bin Yovo und ich weiß wie man’s macht (denkt man hier). Neben der normalen Notengebung werde ich meine 3ième (9.) sogar durch die Abschlussprüfungen bringen müssen.
Auf dem Lehrplan stehen Weit- und Hochsprung, Sprint, Ausdauertraining, Kugelstoßen mit Steinen, Klettern am Seil ohne Seil, und zu guter letzt Fußball.
Die Klassengrößen an meinem College reichen von 43 bis 61 Schüler, in Agou-Gare reichen sie von 60 bis 80. Die Klassenfrequenzen meiner ältesten Gastbrüder am Lycée (10.-12. Klasse) betragen 100 bzw. 114 Schüler. Ich habe es also noch sehr gut getroffen. Bei zusätzlichem Mangel an Räumlichkeiten und der Absenz jeglichen Lehr- oder Lernmaterials ist Unterricht kaum möglich und der Rohrstock gehört zu den wenigen Unterrichtsmaterialien. Die Meinung, die Schwarzen Kinder müssten mit dem Stock erzogen werden, ist hier sehr gängig. Mein ältester Gastbruder selbst, noch nicht ganz raus aus dem Schulalter (20), hat mir beigebracht, wenn Weiße Kinder ungezogen sind, gibt man ihnen trockenes Brot zu essen, und sie wissen, dass sie etwas falsch gemacht haben. Wenn schwarze Kinder ungezogen sind und man ihnen trockenes Brot gäbe, gewöhnten sie sich schnell an den Geschmack und würden weiterhin ungezogen sein. Erst wenn man sie ordentlich kloppt, würden sie aus ihren Fehlern lernen. Da mein Gastbruder mir aber auch schon viel von Drachen und Werwölfen erzählt hat, nehme ich ihn ohnehin kaum noch für voll. Ansonsten ist er ein ganz netter.
Neben unserem Lehrerjob teilen wir drei Freiwillige uns die Arbeit im Kindergarten unseres Dorfes, in dem wir in unseren Freistunden arbeiten und die Kindergärtnerin unterstützen.
Im Kindergarten sind 35 Kinder zwischen drei und vier Jahren und eine liebe Kindergärtnerin. Ein gewöhnlicher Vormittag sieht wie folgt aus: Gemeinsam versuchen, eine Papaya zu malen, in dem Zusammenhang die Farben auf Französisch lernen (denn die Kleinen sprechen fast ausschließlich EWE), keiner krieg es hin, alle raus vor die Hütte und auf den Vorplatz urinieren, Hocker-Kreis und singen, Gedichte auf französisch vortragen, ein Spiel spielen (in etwa „Bello, dein Knochen ist weg“), „Sport“ machen auf dem kleinen Vorplatz, heißt „gehen wie ein Soldat“, „gehen wie ein König“, „gehen wie ein alter Mensch“ etc., ausruhen unter einem Baum, etwas Bohnen essen. Alles immer mit dreißig Kindern, ziemlich niedlich, für mich nicht so anstrengend wie der Sportunterricht, intellektuell meist unterfordert, praktisch meist überfordert (denn wenn die Kindergärtnerin mal nicht da ist, fangen sie plötzlich an sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen).
Ich habe neulich mal die Initiative ergriffen und einen Reifen an ein Seil an einen Baum gebunden. Darauf gingen nicht nur die kleinen Kinder tierisch ab, sondern auch ca. 80 Kinder von der gegenüberliegenden École Primaire (1.-5. Klasse), die, sobald ich mit Seil und Reifen aus der Hütte trat, angestürmt kamen und über mich herfielen („Geil, n Yovo mit Reifen und Seil in der Hand, kommt, wir laufen alle hin und brüllen ihn in einer Sprache an, die er nicht versteht!“). Ich weiß nicht, was sie so aufregend fanden, Seil und Reifen oder meine Hautfarbe oder alles in Kombination, aber man sollte doch meinen, auf die Idee einer Schaukel in seiner simpelsten Ausführung sollte doch jeder kommen?!
Vielleicht ist die Schaukel eine über und über westliche Erfindung. Vielleicht ist dies aber auch ein Beispiel der Initiativlosigkeit der Menschen hier, die eng einhergeht mit dem Gedanken, dass Europa das Paradies und alles, was der Weiße Mann entwickelt heilig ist, und im Notfall Europa da ist um Afrika zu retten. Denn das ist Europa Afrika ja schließlich auch schuldig.
Diese Einstellung ist in vielen Köpfen hier tief verwurzelt und meiner Meinung nach ein 1a Entwicklungshemmnis. Man nimmt die Dinge wie sie kommen, man palavert hier, man palavert da, man lacht sehr viel, man trifft viele Menschen und unterhält sich meist über Banalitäten, man lebt. Und das ist auch gut so. Denn eine Entwicklung hin zu einer westlichen Stress-Gesellschaft wo Werte wie Pünktlichkeit und materieller Wohlstand, Fähigkeiten wie Management und Planung, wo die Zeit und das Geld die Menschen beherrschen und den Alltag bestimmen, ist ja auch gar nicht einwandfrei wünschenswert.
Aber dann sieht man im Fernsehen große Häuser mit Kühlschrank und Badewanne, wo fließend Wasser und Strom nicht zum Luxus sondern zum Existenzminimum zählen, wo die Ärmsten Autos fahren die sich hier nicht einmal die Reicheren leisten können, und man wird sich über die materiellen Unterschiede bewusst, denn man hat das Gefühl weniger zu haben, schlechter zu leben, vielleicht „unterentwickelt“ zu sein. Und das macht einen unglücklich.
Minderwertigkeitsgefühle in Form einer empfundenen „Weiß-Schwarz-Dekadenz“ sind nicht nur durch Indoktrinationen und Erniedrigungen aus früheren Zeiten im Unterbewusstsein der Menschen tief verankert, sondern werden bis heute durch die u.a. in den Medien demonstrierten materiellen Unterschiede immer wieder gefestigt. Darunter müssen das Selbstvertrauen und der Stolz, der Glaube an sich selbst und seine eigenen Stärken ziemlich leiden. Deshalb fühle ich mich nach über drei Monaten hier immer noch unwohl, wenn ich auf der Straße von einer wildfremden Person so eindringlich angestarrt werde und nicht erraten kann, was im Kopf des Betrachters vor sich geht, ob es Neid, Hass, Ehrfurcht, Angst, Freude, Respekt oder Verachtung ist, was aus dem leeren Blick spricht.
Sucht man [Afrikaner] nach Gründen für die Unterschiede, stößt man neben der unveränderbaren und haarsträubenden Geschichte Afrikas auf die miserable Regierung des eigenen Landes und deren Politik, die für die Misere (wenn es denn eine ist) verantwortlich ist. Und immer wieder ist es auch noch das heutige Europa, in diesem Falle Frankreich, das mit der Regierung zusammen arbeitet und noch heute indirekt Ausbeutung betreibt.
„Qu’est-ce qu’on peut faire?“ 1992 und 2005 gab es die letzten Unruhen im Land, doch durch jeglichen Protest gegen die Regierung gefährdet man sein Leben, und man wagt nicht mehr zu demonstrieren. Das habe ich nun schon aus etlichen Mündern gehört.
Der regelrechte „Hass“ gegen die beiden Übeltäter, gegen Frankreich und gegen die eigene Regierung, mündet nicht in Protest, etwa in Widerstandsbewegungen oder gar einer Revolution, sondern man schluckt seine Wut aus Angst hinunter und lebt weiter vor sich hin.
Jedes mal, wenn ich Menschen, die ich etwas besser kenne, auf Politik und nationale Probleme anspreche, immer mit dem Hintergedanken, wie man Afrika denn nun aktiv, effektiv und nachhaltig helfen könnte, schütten sie sich nach einer kurzen Aufwärmphase das Herz aus und kommen zu dem gleichen, aussichtslosen Schluss…
In wie weit Europa oder Frankreich tatsächlich noch heute seine Finger im Spiel hat, kann natürlich weder ich noch irgendein normalsterblicher Togolese objektiv oder rational beurteilen. Es gibt ja nicht einmal unabhängige, freie Presse.
Etwas vom Thema abgekommen belasse ich es dennoch dabei, und mache an dieser Stelle einen Schnitt. Ich hoffe, die Schilderung meiner Arbeit reicht für das erste aus und die Darstellung der restlichen Gegebenheiten klingt nicht zu theatralisch.
In meinem nächsten, sehr baldigen Bericht, soll es um Geschichte und Kultur Togos gehen, um Zusammenhänge besser verstehen zu können.
Ich freue mich immer wieder über Fragen!

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