Mittwoch, 24. Juni 2009
10. Bericht aus Togo, Juni
Als ich neulich abends durch mein Dorf ging, waren ungewöhnlich viele Menschen auf der Straße. Es hätte mehrere Morde gegeben, woraufhin ein traditionelles Verhör des verdächtigten Mörders praktiziert wurde. Der Hintergrund: In einer Großfamilie gibt es über einen längeren Zeitraum mehrere bizarre Todesfälle. Es fällt auf, dass ein Mitglied der Familie nie zu den Beerdigungen kommt, und das ist in der Ewe-Kultur, in der Beerdigungszeremonien sehr aufwendig gefeiert werden und viel bedeuten, sehr anstößig. Somit wird dieser Mann verdächtigt, etwas mit den Todesfällen zu tun zu haben, und man befragt die „Fetisheure“, Medizinmänner, denen man seherische und heilerische Kräfte zuspricht, die bestätigen, dass der Verdächtigte ein Mörder sei. So kommt es schließlich zu dem Verhör, bei dem der Beschuldigte völlig entblößt vor der gesamten Dorfgemeinde kniet und gestehen muss. Als schuldig befunden, wird dem Verurteilten am nächsten Tag Urin der dorfältesten Frauen zu trinken gegeben und die Haare abrasiert, damit er als Täter gebrandmarkt ist und aus der Dorfgemeinde verstoßen werden kann.
Ich wurde mal gefragt, ob ich in Togo viel auf Zauberei stoßen würde. In der Tat ist das, was man bei uns als Aberglaube bezeichnen würde, etwas ziemlich alltägliches hier. Nach Einbruch der Dunkelheit sollte man nicht mehr pfeifen, da davon die Dämonen geweckt würden. Bevor man bei Krankheitsfällen in ein Krankenhaus geht, wird auf dem Dorf fast grundsätzlich der bei weitem kostengünstigere Fetisheur aufgesucht, der mit Hilfe von Magie und Naturheilkunde versucht Kranke zu heilen.
Da das Schuljahr mehr oder minder offiziell seit Anfang Juni beendet ist, haben mein Mitfreiwilliger Robert und ich eine kleine Reise in das Nachbarland Benin unternommen. In der historischen Kleinstadt Abomey waren wir auf einem Voodoomarkt. Man sagt, auf einem Voodoomarkt kann man alles kaufen. Wir haben Unmengen von verwesten Affen-, Katzen-, Hunde-, Pferde-, Krokodilköpfen, einen Löwenkopf, einen Nilpferdkopf, alle möglichen Arten von toten wie lebendigen Greif- und Urwaldvögeln, Schlangen, Chamäleons und Schildkröten, Leopardenhaut, Elefantenhaut gesehen. So etwas kauft man seinem Fetisheur, und der zaubert daraus dann irgendetwas. Benin gilt zwar als Voodoohochburg, aber solche Märkte findet man in Togo auch.
Wie so einige andere Male während unserer Afrika-Tourismusreisen haben wir uns nicht nur unglaublich fehl am Platz, sondern auch ein bisschen mulmig gefühlt, wenn uns die Händler nach unseren Bedürfnissen fragten und todernst von der Magie ihrer Tierkadaver sprachen. Damit wir überhaupt irgendeinen offiziellen Grund hatten dort zu sein, habe ich immer nach einem Elefantenkopf gefragt, aber da wir keine Bestellungen aufgeben wollten, wurden wir stets nach Cotonou, einer anderen Stadt im Benin, verwiesen. Unser etwas eigenartiger Hotelbesitzer, der uns zu diesem Markt fuhr, meinte, der Markt wäre wegen der vielen Geister ein gefährlicher Ort für ihn, aber mehr dürfe er uns nicht sagen, weil wir nicht in den Voodookult eingeweiht wären.
Was für ein Glück, sagte unser Hotelbesitzer, denn noch am selben Abend würde eine Voodoozeremonie ganz in der Nähe stattfinden, die wir uns ankucken sollten.
Noch auf dem Mototaxi, in Benin wie in Togo erstes öffentliches Verkehrsmittel, wurden wir von den Motorradfahrern gefragt, ob wir rennen könnten. Denn das wäre bei der Zeremonie dringend nötig.
Auf der Zeremonie selbst fanden wir ungefähr fünfzehn aufwendig verkleidete, zum Teil tanzende Menschen, die von gut hundert normalen Menschen umringt waren. Die verkleideten Menschen waren Tote, die auf die Erde zurückgekommen waren, die normalen Menschen waren Schaulustige. Die Verkleideten, bewaffnet mit Stöcken und Peitschen, waren hauptsächlich damit beschäftigt, in die Schaulustigenmenge zu laufen und wild drauf einzudreschen. Das war der Part, wo wir weglaufen mussten. Wenn ein Schaulustiger gefangen war, musste der zahlen oder er wurde geschlagen.
Wir konnten leider keinem der Menschen dort mehr Informationen über dieses Spektakel entlocken, ob sie es nicht wollten oder nicht besser wussten weiß ich nicht. Natürlich kam so ein verkleideter Halbtoter auch bald auf Robert und mich zu und wollte ziemlich viel Geld haben, denn auch Halbtote sind nicht farbenblind. Wir haben uns dann schnell aus dem Staub gemacht.
Benin war ein schöner Abschluss. Wir haben neben Abomey auch noch die Küstenstädte Ouidah und Cotonou bereist. In der sehr angenehmen und ruhigen Kleinstadt Ouidah sind wir die „Route des esclaves“, die Straße, auf der noch im 19. Jahrhundert zehntausende von Sklaven zum Strand getrieben wurden um verschifft zu werden, entlang gegangen und haben abermals etwas über die Sklavenzeit und die Sklavenhandelsstadt Ouidah erfahren.
Nahe der stinkenden Großstadt Cotonou haben wir das Dorf Ganvié besucht, eines von vielen auf Stelzen erbauten Dörfern auf dem Nokoué-See. Das dort lebende Tofinu-Volk hat sich im 18. Jahrhundert auf der Flucht vor Sklavenhändlern auf diesen See zurückgezogen und Hütten aus Bambus auf dem Wasser gebaut. Die Menschen leben fast einzig und allein vom Fischfang und man würde sie definitiv als unglaublich arm bezeichnen. „Ah, das Geld kommt“, wurden wir begrüßt und ansonsten skeptisch und böse beäugt. Wir waren dort nicht willkommen und es war äußerst unangenehm, mit der Piroge wie durch einen Zoo zu fahren.
Nun sind wir wieder in Togo in unserer lieben Gastfamilie, verabschieden uns von Freunden, Schülern und Kollegen und packen für Deutschland. Die vergangenen Jahre sind immer schneller vergangen, doch dieses Jahr hat alles getopt. Ich kann es nicht glauben, dass ich in wenigen Tagen wieder in Deutschland sein werde und mein Auslandsjahr in Afrika bereits beendet sein soll.
Schlusswort
Auf der Rückfahrt von Abomey nach Kpalimé, von Benin nach Togo, fuhren wir rund achtzig Kilometer auf härtester Lehmboden-Schlagloch-Piste zusammen mit fünf Afrikanern auf der Ladefläche eines chinesischen Transporters. Während wir gut mal einen halben Meter hoch und auf der Ladefläche hin und her flogen, fuhren wir durch den afrikanischen Busch und abgelegenste Dörfer, in denen ein weißes Gesicht zu einer wahren Sensation zählt und der westliche Drang seinen Körper mit Kleidung zu bedecken noch nicht so verbreitet ist.
Eine Achterbahnfahrt; doch die fünf Beniner, die für ihren chinesischen „Patron“ und Fahrer des Transporters in Togo Wasserpumpen installieren sollten, waren die Ruhe selbst.
Irgendwie kam mir auf dieser Ladefläche der Gedanke: „Das ist Leben“. Das ist Afrika. Und wir dachten darüber nach, was wir in diesem Jahr so erlebt haben, was wir zurücklassen werden und wie wir uns in Deutschland wohl wieder einleben würden.
Ich lasse in Togo nicht nur Freunde, Kollegen und eine sehr liebenswerte Gastfamilie zurück, sondern eine andere Welt. Afrika hat etwas Faszinierendes. Mit Sicherheit gibt es im Amazonas beeindruckenderen Regenwald als das bisschen Buschland in Agou; der Wasserfall in Kpimé ist kleiner als die Niagarafälle; und Abomey ist historisch und kulturell kein Vergleich zu Rom oder Athen.
Ich frage, was man mit Mangos alles machen könne und denke dabei an die vielseitige Verwendung der Äpfel in Deutschland. Nun wir, wir essen sie, was seine Antwort (Gespräch zwischen weißem Arzt und Togoer in „Fufu ist keine Götterspeise“). Vielleicht ist es diese Einfachheit. Die Sorglosigkeit und die Lebensfreude. Die Gelassenheit und der Humor. Die strahlenden, winkenden Kinder.
All die schönen Dinge, die das Leben trotz der tief greifenden Probleme dieses Landes auch bestimmen und im Kontrast stehen zu der schon so festgefahrenen Leidensmentalität.
Weißer, gib mir das Geld. Weißer, ich leide. Was soll man darauf antworten?
Mein ältester Gastbruder (20) ist bereit für Europa. Er ist sich ganz sicher: Sobald sich ihm eine Möglichkeit bietet, ist er weg aus Togo. Er könne in Togo keine seiner Ziele realisieren. Er wird nächstes Jahr sein togosches Abitur absolvieren, doch mit welcher Perspektive? Bauer, Schneider, Taxifahrer, Friseur werden, oder in irgendeiner Form für den Staat arbeiten? Er will selbst Politiker werden und dieses Land verändern.
Ein großes Ziel, aber auch im kleineren Rahmen hat seine Argumentation Inhalt. Auch während der Diskussion über den „kulturellen Austausch“ in meiner Troisième (10. Klasse) wurde mir noch einmal bewusst, dass es doch verdammt ungerecht ist, dass ich ein Jahr lang Erfahrungen in Togo sammeln darf aber kaum einer meiner Schüler jemals europäischen Boden betreten wird. Dass ein Jugendlicher in Deutschland mehr Taschengeld bekommt als mein Gastvater im Monat verdient. Dass mein togoscher Gastbruder nach seinem Abitur aus Mangel an Möglichkeiten nicht weiß, was er aus seinem Leben machen soll, und ich nach meinem Abitur auf Grund vom Überfluss an Möglichkeiten nicht weiß, was ich mit meinem Leben anstellen soll.
Es ist schwierig, die Menschen in Afrika für eine allmähliche Entwicklung in kleinen Schritten zu motivieren, von denen erst ihre Kinder oder gar Enkelkinder profitieren werden, wenn im Norden die große Schwester auf dem High-Speed-Entwicklungsstrahl vorbei rauscht und auf dem Weg ihre verlockenden, nach Wohlstand riechenden Abfallprodukte auf die Schwester im Süden fallen lässt. Ich nehme an, auch in Europa es ist schwierig, nach fast fünfzig Jahren Unabhängigkeit und „Entwicklungshilfe“ bei sehr mageren Fortschritten und zu Zeiten einer Weltwirtschaftskrise weiterhin zu Engagement, Verantwortung und Solidarität in der Entwicklungszusammenarbeit zu motivieren. Europa kann und wird Afrika nicht „entwickeln“. Aber Europa hat das geistige und das finanzielle Potential, gezielt Initiativen zu unterstützen, die einer sensiblen und weitsichtigen Entwicklung förderlich sind. Und mit „Europa“ meine ich auch jeden Einzelnen meiner Leser.
Ich bedanke mich bei allen, die mich dieses Jahr lang begleitet haben, an meinen Erfahrungen teilnahmen oder sich ab und zu mit Grüßen aus der Heimat oder aus anderen Ecken der Welt gemeldet haben. Ich hoffe, ich konnte dem einen oder anderen Afrika etwas näher bringen und Interesse wecken. Ich bin überglücklich, die Chance, so wertvolle Erfahrungen in einem afrikanischen Land sammeln zu können ergriffen zu haben und bereue keinen einzigen Tag meines Aufenthaltes.
Ich möchte mich bei meiner Familie und meinen Freunden bedanken, die mich das ganze Jahr über moralisch unterstützt und beraten haben.
Ich bedanke mich bei meinen Förderern, die mir durch die finanzielle Unterstützung dieses Jahr ermöglicht haben.
Ich bedanke mich bei meinem ehemaligen Sportlehrer aus der Oberstufe, ohne den meine Schüler in Togo bis heute mehr Ahnung von den einzelnen Sportdisziplinen hätten als ich, und ohne den ich kaum in der Lage gewesen wäre, Sport zu unterrichten.
Und ich bedanke mich bei Jenen, die nach meiner ersten Email aus Togo dachten was will der denn?...und trotzdem weiter gelesen haben.
Ich freue mich auf Freunde und Familie, auf gutes Essen, auf Autofahren, auf Internet und Nachrichten, auf keinen Durchfall und auf den Anfang eines neuen Lebensabschnittes als Student.
In dem Sinne: Tschüß! Und bis demnächst.
Sonntag, 24. Mai 2009
9. Bericht aus Togo, Mai
Es ist ein ziemlich schwieriges und kontroverses Thema, das man von vielen Seiten belichten und analysieren müsste um wirklich reflektiert und begründet schlussfolgern zu können, über das man Bücher schreiben könnte und am Ende wieder am Anfang ist. Dennoch versuche ich hiermit einen Anfang zu machen.
Meine Organisation
In Togo gibt es so viele NGOs, die sich einen ganzen Fächer von Entwicklungsbereichen auf ihre Fahne schreiben (so auch CDH); häufig dienen sie aber hauptsächlich als Arbeitsplatz und finanzielle Absicherung für ihre Mitglieder.
„Campagne des Hommes“ heißt die NGO für die ich offiziell arbeite, und deren Hauptjob ist es eigentlich, die Freiwilligen auf Projektkooperationen und Gastfamilien zu verteilen.
Die meisten Freiwilligen sind eher unzufrieden mit CDH. Zum einen, weil unser Chef zu sehr in die eigene Tasche wirtschaften würde, zum anderen, weil unser Chef eigentlich gar nicht unser alleiniger Chef sein sollte, denn in der Verfassung der NGO sind demokratische Strukturen ziemlich genau festgelegt. Da kann aber keiner etwas gegen machen, weil der Chef das Geld aus Deutschland verwaltet und die anderen Mitglieder und Gastfamilien bezahlt, und somit alle von ihm abhängig sind und selbst ein Putsch letztendlich nur dem Ende der Nahrungskette schaden würde, denn der Chef hat schon soweit ausgesorgt, dass er nicht mehr abhängig von CDH ist. Und die zahlende Organisation in Deutschland, die letztendlich auch die Spendengelder meines Spenderkreises an CDH überweist, sagt, solange es uns Freiwilligen gut geht, sind sie glücklich, überhaupt mit einem Partner hier zusammenarbeiten zu können. Wir sollten uns lieber auf den kulturellen Austausch konzentrieren.
Mittlerweile habe ich das so akzeptiert. Mir geht es gut, ich bin sehr zufrieden mit meinem Job als Sportlehrer, und allgemein engagieren sich alle Freiwilligen in förderungswürdigen Projekten wie Blindenschule, Behindertenschule, Taubstummenschule (…), denen es sonst an unentgeltlichen Arbeitskräften mangeln würde. Man könnte auch argumentieren, dass wir Freiwillige mit unserer bloßen Schulbildung ohnehin gar nicht in der Lage sind, „Entwicklungshilfe“ zu leisten.
Entwicklungshilfe
Dass dies dennoch möglich ist, habe ich vor einigen Monaten auf der Farm eines Freundes gelernt. John hat Forstwirtschaft in Wales studiert und dort für eine NGO gearbeitet, um schließlich in sein Heimatland Togo zurückzukehren und dort eine Musterfarm zur nachhaltigen Landwirtschaft aufzuziehen. Die Idee ist, Aufklärungsarbeit am Beispiel dieser Farm zu leisten, Workshops anzubieten und Alternativen zur schädlichen Landnutzung und Umweltzerstörung, wie der nur kurzzeitig ertragsreichen aber weit verbreiteten und zerstörerischen Brandrodung, der Benutzung von Pestiziden oder der Verschmutzung von Grund- und Flusswasser zu entwickeln. Das Projekt ist noch in der Aufbauphase und die Farm liegt mitten im Busch, wo es ziemlich viel Arbeit und wenige freiwillige Helfer gibt.
Finanzieren tut John das Projekt aus eigenen Ersparnissen und über seine Kontakte in Wales wirbt er um Freiwillige.
John hat uns ziemlich beeindruckt und ermutigt, denn er verkörpert den Typus von Entwicklungshelfer, der unserer Meinung nach in Togo so dringend von Nöten ist: Bildung, Eigeninitiative und Opferungsbereitschaft in seinem Heimatland etwas zu bewegen und zum Positiven zu verändern an Stelle von Resignation und Unterschlagung.
Ob in Togo, Ghana, Burkina oder Niger; häufig trifft man auf Projekte die aus Europa finanziert werden. In Burkina, laut UN das dritt-ärmste Land der Welt (LonelyPlanet 2006), sind wir auf einwandfreien Straßen gefahren und am Straßenrand standen Schilder die verlauten ließen „von der EU finanziert“.
In einem Nachbardorf von uns in Togo hat sich der togolesische Präsident kürzlich eine Residenz bauen lassen, die ziemlich aus den umliegenden Lehmhütten heraussticht. Als sie noch im Bau war, haben wir uns mit einem Bauarbeiter darüber unterhalten, ob er es nicht auch pervers fändt, dass im ganzen Land eine Brücke nach der anderen einstürzt und einige Hauptverkehrsadern mangels Reparatur nicht mehr befahrbar sind, während der Präsident sich seine Privat-Paläste baut. Der hat uns dann ernsthaft entgegengehalten, dass für die Infrastruktur doch die europäische Union zuständig sei.
Das Europa hilft und Afrika geholfen werden muss, wird als selbstverständlich empfunden. Durch eine solche „Entwicklungshilfe“ scheinen mir aber vielmehr Abhängigkeit und gefühlte Hilfsbedürftigkeit gefördert als Initiativen und Perspektiven geschaffen zu werden. Das ist keines Wegs Hilfe zur Selbsthilfe.
Wie kann also sinnvoll geholfen werden?
Große Probleme Togos sind beispielsweise der Mangel an „good Governance“, also einer demokratischen Regierung die im Interesse der Bevölkerung handelt, und die medizinische Versorgung. Ein wahres Entwicklungshemmnis stellt aber auch die Lethargie und die Resignation der Bevölkerung selbst dar. Basierend auf meinen gesammelten Erfahrungen allgemein und als Lehrer würde ich folgende Gründe dafür nennen:
1. Mangel an Möglichkeiten zur Entfaltung, Förderung und Entwicklung individueller Potentiale (Bildungsmöglichkeiten und -Bedingungen)
2. Mangel an Zielen und Perspektiven, die zur Motivation der unter 1. genannten Begriffe anregen, Initiative und Kreativität wecken und „Entwicklung von Innen“ fördern würden (Mangel an Arbeitsplätzen)
Ziel sollte die Schaffung einer gebildeten, motivierten, kreativen und mental- wie real-unabhängigen Gesellschaft sein. Das ist für mich die Basis für Entwicklungspotential. Im Bereich der Bildung muss also etwas passieren: Schulen und Universitäten müssen unterstützt und Bildung bezahlbar gemacht werden, Bibliotheken und Internetzentren gefördert und Räume zur (Weiter-) Bildung geschaffen werden (Studienzentren). Als Motivation und Perspektive könnten zunächst Stipendien und Austauschprogramme dienen, bei denen Akademiker beispielsweise Arbeitserfahrungen in einem Industrieland sammeln können und der kulturelle Austausch gefördert wird. Denn die Völkerverständigung und die Aufklärung über das Mysterium Afrika unserseits und das Mysterium Europa seitens der Afrikaner ist ein nicht zu unterschätzender Beitrag zur Entwicklung.
Mein FSJ als Entwicklungshilfe
Schon in meinem Einführungsseminar in Togo im August wurde mir der „Mythos“ von Europa als ein großes Problem erklärt. Europa, da wo das Geld an den Bäumen wächst und es täglich Geschenke regnet. Europa, der Geldgeber und Retter in der Not. Europa, ohne das Afrika nicht überleben oder sich „entwickeln“ kann. Nicht nur in Bartholomäus Grills sehr lesenswerten Afrika-Buch mit dem unansprechenden Titel „Ach, Afrika“ wird es beschrieben; auch in Wirklichkeit bin ich hier schon Menschen begegnet, die die Rückkehr der Europäer nach Afrika, eine quasi Re-Kolonialisierung wünschen. Wird durch „Entwicklungshilfe“, durch Abgaben aus dem reichen Europa in das arme Afrika diese (mentale) Hilfsbedürftigkeit nicht noch gefördert? Wird nicht Eigeninitiative und „Entwicklung von innen“ hierdurch untergraben? Ich bin momentan an einem Punkt an gelangt, an dem ich viele „Entwicklungshilfen“ sehr kritisch betrachte. Meiner Meinung nach wäre es viel sinnvoller, Menschen wie John und ihre Ziele zu fördern als in Burkina Faso Straßen zu bauen.
Meine eigene Gastmutter wollte mir par tout nicht abnehmen, dass es auch in Europa arme Menschen gibt. Ob die armen Menschen in Europa denn schwarz wären, hat sie mich dann gefragt. Erst ein paar Fotos von Verwahrlosten Weißen aus dem Internet, die ich ihr als Obdachlose Deutsche verkauft habe, haben sie schließlich überzeugt.
Für die letzten Schulwochen meiner Troisième (ca. 16-26 Jahre) habe ich ein neues Programm angefangen: Inter-kultureller Austausch. Ein weites Thema, mit dem keiner der 60 Zehntklässler auf Anhieb etwas anfangen konnte, das mittlerweile aber unglaublich interessant wird und auch mir viele neue Erkenntnisse und Fragen liefert. Ich zitiere meine Schüler: Wenn ich einen Weißen auf der Straße sehe,…
…möchte ich weiß sein
…frage ich mich, warum Gott meine Haut schwarz und seine weiß gemacht hat
…denke ich: Es waren sie, die unsere Großeltern gekauft haben
…frage ich mich, wann auch wir, die Schwarzen, in ihrem Land sein dürfen
…möchte ich sein Freund werden
Was ich Monsieur Lennart schon immer einmal Fragen wollte:
…ob man in Europa wirklich denkt, dass die Afrikaner Affen wären
…was er denkt, wenn er einen Schwarzen leiden sieht
…ob ein Schwarzer in Europa Weiße unterrichten könnte
…ob Macht vererbbar ist
…ob Monsieur Lennart Kinder hat
So gut ich kann, versuche ich Aufklärungsarbeit über Europa zu leisten, aber manchmal kann ich den Ansprüchen meiner Schüler kaum gerecht werden, weil ich keine Antwort weiß. Das freut mich dann trotzdem, denn letztendlich habe ich das Gefühl, Interesse und Kreativität geweckt und schlichtes Nachdenken gefördert zu haben, was die Schüler in anderen Fächern, wo es nur um abschreiben und auswendig lernen geht, weniger gewohnt sind. Das ist ein kleiner Schritt vorwärts und vielleicht mag man so etwas ja auch als Entwicklungshilfe bezeichnen.
Aktuelles
Hier ein Bruch und ein paar Infos darüber, was in der letzten Zeit so passiert ist.
Freund Steffen und Freund Christian waren für zwei Wochen zu Besuch, in denen wir viel erlebt haben. Touriprogramm waren Wasserfall, Buschwanderung, Bergbesteigung, Besichtigung eines Kolonialschlosses, Markt, Lomé, Kpalimé und Agou, eine Runde Paragliden für Christian (und für den Rest nicht, denn da wart der Wind zu stark) und Momos Trommelgruppe. Meinen Gastvater aka „Arbeitstier“ Theo haben wir auf sein Feld begleitet, wo die beiden sich mit dem Coupcoup (Machete) auspowern konnten und ordentlich Blasen an den zarten Yovo-Händen eingefangen haben, sodass sie abends leider kein Fufu mehr stampfen konnten. In meinen Unterricht haben sie mich begleitet; im Kindergarten war nur Steffen mit, weil Christian diesen aus Angst vor Typhus ablehnte. Viel afrikanische Pangne(Stoff)-Kleidung haben sie sich schneidern und Stühle von Momo (Freund und Begleiter der ersten Reise) schnitzen lassen, wobei Christian mit dem Resultat des von ihm selbst ausgewählten „Lübi-Lübi“-Motifs nicht recht zufrieden war, denn laut Momo ist der „Lübilübi“ ein Tier mit einer langen Rüsselnase, das flügelschlagend mit den Achseln Ameisen fressen sollte, letztendlich glich es aber eher einem Krokodil. Gerechterweise haben die beiden auch den togolesischen Durchfall kennengelernt, unter dem eigentlich alle Freiwilligen die meiste Zeit über leiden.
Neunzehn Paar Sport- und Fußballschuhe sind bei der Spendenaktion zusammenbekommen; dafür bedanke ich mich sehr herzlich im Namen meines Collèges bei allen Spendern und Spenderinnen, namentlich besonders beim größten Spender und renommierten Spaßkicker-Club „Dynamo Heimfeld“. Mein Schulleiter betet für euch.
Sowohl Unabhängigkeitstag (27. April) als auch der Tag der Arbeit fielen in die Aufenthaltszeit meiner Besucher, sodass wir auch diese Festlichkeiten gemeinsam genießen konnten. Am Unabhängigkeitstag sind, ähnlich wie am Jahrestag der Machtübernahme der bis heute regierenden Partei RPT (13. Januar 1967), tausende von togolesischen Schülern, darunter auch meine, Gewerkschaften, Zünfte und andere Vereinigungen in Reih und Glied im Gleichschritt vor den Regierenden marschiert. Eine große und eindrucksvolle Parade die meiner Meinung nach mehr an Kindersoldaten als an Unabhängigkeit erinnert.
Der 1. Mai hingegen war eine große Party, die wenig politisch motiviert schien. Ein kleiner Marsch einiger Beamteten, an dem auch wir teilnahmen, hin zum Ort der Feier; eine Rede, in der den Regierenden für die Feier gedankt wird; eine Rede der Regierenden darüber, dass nun alles besser wird. Und dann wurde freudig gespeist und gesoffen, jede Branche für sich (Schneiderinnen, Friseuse, Lehrer), dröhnende Musik aus den obligatorischen Lautsprechern und parallel Blas- und Trommelmusik und schließlich gemeinsam getanzt. Eine Bombenatmosphäre, für die ich Afrika lieben gelernt habe.
Am 6. Mai hatte meine Troisième (10. Klasse) ihre Sportabschlussprüfungen in den Disziplinen Ausdauerlauf, Weitsprung und Kugelstoßen. In den Wochen vor den Examen hatte ich einige Wochenenden geopfert um mit den Schülern zu trainieren, wobei ich auf ungekannte Motivation, Ehrgeiz und Prüfungsangst meiner Schüler gestoßen bin. Ein Schüler hat sich drei Tage vor dem Prüfungstag beim Weitsprungüben ziemlich mies seine Kniescheibe aus der Verankerung geschlagen, sodass der für längere Zeit – wenn überhaupt wieder – kein Sport mehr machen kann, geschweige denn an den Examen teilnehmen konnte.
Laut dem unsympathischen Prüfungschef waren alle meine Schüler eine halbe Stunde zu spät, denn spontanerweise hätte die Prüfung bereits um 6:30 und nicht erst um 7:00 beginnen sollen. Nach einigen Schuldzuweisungen zwischen Prüfungschef und meinem Schulleiter hat man sich schließlich darauf geeinigt, dass die Schüler selbst an allem Schuld sind und wollte die Hälfte zunächst durchfallen lassen, aber mit viel Lachen und Schleimen und Rumshakerei durften doch alle die Prüfung absolvieren. Schlechte Leistungen wurden konsequent von Prüfern und Kollegen beschimpft oder herablassend belacht, während ich die Entmutigten wieder zu motivieren versuchte. Bei den Ergebnissen haben die Prüfer eine Menge nach oben korrigiert; zum einen, da die 1982 in Frankreich entworfenen Bewertungsskalen, nach denen auch ich im Unterricht bewerten sollte, kaum zu bewältigen sind, zum anderen, um die Ergebnisse der Schulen ihres Zuständigkeitsbereichs vor ihren Vorgesetzten in gutes Licht zu rücken. Damit werden die Endnoten meiner Schüler ziemlich willkürlich sein und kaum ihre wahre Leistung widerspiegeln. Wie so oft hier wird sich nicht an Regeln gehalten, es wird gefeilscht und betrogen, Verantwortung von sich gewiesen und man fügt sich dem Stärkeren. Und dabei immer lachen. Denn es ist alles ein großer Witz.
Dienstag, 21. April 2009
8. Bericht aus Togo, April
Für mich ging es zunächst allein noch einmal nach Accra (Ghana), wo ich einen TOEFL-Test (Englisch-Sprach-Test) gemacht habe, denn der ist von einigen Universitäten gefordert. Nach einem Drei-Viertel-Jahr Togoaufenthalt war ich es allerdings wirklich nicht mehr gewohnt, mich über vier Stunden am Stück zu konzentrieren und durch so einen Leistungstest zu stressen. Schrecklich.
Niger
Nach dem Test habe ich mich mit Jannis und Robert in Lomé (Hauptstadt Togos) getroffen und wir sind in 26-stündiger Busfahrt bis nach Niamey, der Hauptstadt des Nigers durchgefahren. Im Niger wurde 2003 die Sklaverei verboten und es ist nach UN-Statistiken (HDI, HPI, GDI) das ärmste Land der Welt (LonelyPlanet 2006).
Da wir für die gesamte Reise nur sehr wenig Zeit hatten, haben wir nur die Hauptstadt Niamey besucht. Niamey ist völlig untouristisch und so heiß und trocken, dass man kein Schweiß mehr auf der Haut hat, der verdampft sofort. Seit acht Monaten hat es nicht mehr geregnet und in der Sonne muss es so um die 50°C gewesen sein. Weder die Busfahrt noch das Klima in Niamey war so richtig angenehm, aber es war dennoch ein interessantes Reiseziel.
Die große Armut hat sich für uns nur in der großen Zahl bettelnder Kinder bemerkbar gemacht. Vielmehr waren wir von der Sauberkeit und der relativen Idylle dieser Hauptstadt überrascht: Kaum Müll, kein allzu lärmender Verkehr, die Straßen schienen gut organisiert zu sein, der große Markt war weder stinkig noch verdreckt. Kamele gehören zu den traditionellen Transportmitteln. Auffällig für uns war die Ethnie der Tuareg, die sich nicht nur kulturell sondern mit ihrer helleren Haut auch farblich von der schwarzen Bevölkerung unterscheidet. Diese aus der Sahara stammenden Nomadischen Viehzüchter stellen eine Minderheit in der Bevölkerung dar, kämpfen seit langem um ihre Rechte und scheinen vom Rest der Bevölkerung diskriminiert zu werden.
Eine Attraktion waren die letzten in Freiheit lebenden Giraffen Westafrikas, außerhalb der Stadt in der Savanne. Die Herde ist in den letzten Jahrzehnten von rund 3000 Tieren auf 150 Exemplare geschrumpft. Diese sehr eleganten Tiere in aller Ruhe und Freiheit an den Akazienbäumen der Steppe nagen zu sehen war sehr beeindruckend. Gleichzeitig hat es daran erinnert, wie wenig von dem ursprünglichen Reichtum an Wildtieren in Afrika noch übrig ist; in Togo gibt es solche längst nicht mehr. Man fragt sich auch ob es wichtiger ist, die fruchtbaren Böden den Menschen vorzubehalten und deren Überleben zu sichern (Im Niger gab es 2005 eine große Hungersnot), oder ob es wichtiger ist, diese Lebensräume den letzten Wildtieren zu lassen und die Artenvielfalt und das Ökosystem zu schützen.
Meinen ersten und wahrscheinlich letzten Löwen in Afrika habe ich in dem kleinen an das Nationalmuseum angebundenen Zoo entdeckt, wo eine ziemlich große Artenvielfalt (Flusspferd, Hyäne, Strauß,…) in ziemlich grauenvollen Verhältnissen in kleine Käfige eingesperrt waren.
Fast die gesamte Bevölkerung des Nigers ist muslimisch und wir wohnten bei einem Freund (ein ehemaliger Freiwilliger aus Kpalimé) zusammen mit sechs anderen Schwarz-Muslimen. Eine abermals andere Erfahrung als in der hauptsächlich christlichen Region um Kpalimé in Togo. Ich habe mich immer gefragt, wie ein Slogan wie „Islam ist Frieden“ und zwei Flugzeuge in zwei Türmen unter einen Hut passen können, und ich habe mich mit einem unserer Gastgeber ausführlich über den Dzihad, den „heiligen Krieg“ wie er oft übersetzt wird, unterhalten. Unglaublich interessant und zu umfangreich um es hier wieder zugeben, aber ich bin mir sicher, dass wir viel zu wenig über den Islam wissen, als dass wir ständig von und über Islamisten und Terroristen reden sollten. Und dass, obwohl Muslime auch in Deutschland bei weitem keine Seltenheit sind.
Burkina Faso
Nach abermals langer Bustour erreichten wir unser zweites Reiseziel, die Hauptstadt Burkina Fasos mit dem offiziell coolsten Hauptstadtnamen der Welt „Ouagadougou“.
Statistisch geht es den Burkinabé besser als den Nigrer, Burkina war laut UN 2005 nur dritt-ärmstes Land der Welt (LonelyPlanet 2006). Im Kontrast dazu steht das ehrgeizige Projekt an Stadtplanung, dass in den letzten Jahren in Ouagadougou realisiert wurde und in das scheinbar stark investiert wird. Hier habe ich meine ersten Linienbusse und Bushaltestellen in Afrika gesehen, Taxis mit funktionierenden Tachos, Kreisverkehre, Fahrradwege und Straßenbeleuchtung. Sogar öffentliche Thermometer gab es, die 48°C anzeigten. Ein imposantes Betongebilde im Zentrum soll der neue Markt werden, bei Nacht lassen sich manche Viertel nicht von einer europäischen Großstadt unterscheiden. All dies hat bei uns den Eindruck vermittelt, dass es in Ouaga läuft. Was macht Togo bloß falsch?
Seit 1969 zum ersten Mal das Pan-Afrikanische Filmfestival Fespaco stattfand, hat sich nicht nur dieses Filmfestival sondern auch die Filmindustrie zu einem Bestandteil der Kultur Burkinas entwickelt. So haben auch wir hier unser erstes afrikanisches Kino unter freiem Himmel besucht und einen burkinabéschen Film gekuckt. Interessant.
Außerdem aufgefallen sind uns die zahlreichen schlanken und sehr hübschen Frauen Ouagadougous, die sowohl im Kontrast zu Accra, wo man fast nur übergewichtige Frauen sieht, als auch zu Niamey, wo man gar keine Frauen sieht weil die von ihren Männern im Haus gehalten werden, standen.
Gewohnt haben wir bei zwei Franzosen, die ebenfalls ehemalige Freiwillige aus Kpalimé waren. Eine massive Kathedrale, eine Moschee, ein ausgetrockneter Park und ein Tümpel worin man kleine Krokodile suchen kann gehörten zu unseren Hauptbesichtigungen. Um Ouagadougou wirklich kennenzulernen oder die Umgebung erkunden zu können, hätten wir mehr Zeit gebraucht.
Auf unserer Reise hat sich die Landschaft von dem tropisch-saftigen grün Kpalimés in trockenste Dornstrauchsavanne verwandelt und aus dem Bus heraus haben wir ein paar schöne, weite Landschaften gesehen. Dennoch trifft der Begriff „öde“ manche Landschaftsstriche wohl am besten und bei den zusätzlich enormen Temperaturen kann ich beim besten Willen nicht von angenehmen Lebensumständen sprechen.
Was sonst noch so passiert:
Mein Collège hat die Collègemeisterschaft von Agou (alle Dörfer, die am Mount Agou liegen) gewonnen, ist dann aber im großen Finale gegen den Lycée-Meister gescheitert.
Es ist schon etwa her, da haben wir zwei schwedische Brüder bei uns beherbergt, die wir zufällig in Lomé aufgegabelt hatten. John und Philip sehen aus wie Yetis, die mit Zelt und Iso-Matte durch Westafrika trampen. Mit ihren Bärten, den abgewetzten Klamotten und ein paar Stories auf Lager scheint das auch zu klappen, sie würden versuchen mit umgerechnet drei Euro pro tag aus zu kommen. Ursprünglich war ihr Plan die Sahara von West nach Ost zu durchqueren, doch als sie merkten, dass dies eine ziemlich lange Strecke ist, haben sie im Niger einen Bogen Richtung Süden gemacht und wollten entlang der Küste bis in den Senegal und von dort aus zurück nach Schweden fliegen. Von Togo aus hat es Philip leider nur noch bis nach Accra geschafft. Er hatte 15kg verloren und war mittlerweile so krank und erschöpft, dass er von dort zurück geflogen ist. John müsste bald im Senegal ankommen.
Mir geht es weiterhin sehr gut und heute sogar noch besser, denn ich darf gleich zwei Freunde am Flughafen von Lomé begrüßen, die ich seit neun Monaten nicht mehr gesehen habe. Ich hoffe allen geht es gut und dass der Osterhase viele Eier versteckt hat. Hier hat er es jedenfalls nicht, aber das macht nichts.
Dienstag, 10. Februar 2009
7. Bericht aus Togo, Februar
Ja, ist das so?
Wenn die Fußballer meiner Collège-Mannschaft völlig routinemäßig 1-2 Stunden zu spät zum Training kommen, und auf eine „pourquoi?“-Nachfrage konsequent mit „Non, Monsieur“ antworten, dann haben sie sich vielleicht erfolgreich die Zeit weggedacht.
Letzten Samstagmorgen stand ich – wie am Freitagabend vom Coach vorgeschlagen und mit mir (quasi Coachassistent) dem Team verabredet – um 5:30 in aller Dunkelheit auf dem Sportplatz. Alleine. Als so um sechs die Spieler nach und nach und schließlich auch der Coach kamen, meinte dieser, als er um 5:30 rauskuckte, sei es noch dunkel gewesen, da hat er sich glatt noch mal schlafen gelegt. Good point, hätte ich auch so machen sollen.
Im Moment ist Fußballhochsaison in der Schulmeisterschaft, und ich bin jede Woche drei Nachmittage fast vier Stunden beim Training meiner Mannschaft und muss deren Spiel analysieren. Was ich eigentlich genau so wenig kann wie Kugelstoßen, meine momentane Disziplin in meinen Sportklassen, aber das ist egal.
In diesem siebten Bericht ziehe ich nun ein Zwischenfazit über mein FSJ in Togo.
Land und Leute
„Togo is very easy-going and peaceful“, haben mir ein paar nigerianische Austauschstudentinnen am Strand in Lomé gesagt. Das trifft es für mich eigentlich schon auf den Punkt. Die Lebensfreude, mit der mir die Togoer begegnen, ihr Humor und ihre Gelassenheit lassen sich in Deutschland nicht finden. Vielleicht liegt das daran, dass wir uns nie die Zeit wegdenken. Irgendwo ist mein FSJ auch eine Auszeit aus dem vergleichsweise stressigen Alltagsleben von Zuhause, in der ich die Zeit und die Ruhe finde, zu mir zu kommen.
Die schweren Probleme dieses Landes fallen deshalb oberflächlich gar nicht so auf. In Togo habe ich noch keine extremen Reichen- und Armenviertel gefunden, keine moderne „Elite“ neben einer verslumten Unterschicht. Dies scheinen mir Probleme zu sein, mit denen andere afrikanische Staaten wie Südafrika oder Nigeria oder lateinamerikanische Entwicklungsländer, die offiziell als „entwickelter“ als Togo gelten, zu kämpfen haben. In diesem Zusammenhang frage ich mich auch, ob Togo in der Entwicklung wirklich hinter diesen Ländern liegt, oder ihnen (noch?) etwas voraushat.
In meinem Motivationsschreiben von 2007 für ein FSJ in einem Entwicklungsland hatte ich geschrieben: „Ich möchte mich explizit mit der Armut auf dieser Welt konfrontieren, um einen differenzierteren und begründeten Blickwickel auf diese Welt, auf unsere reiche, westliche, sowie auf die ärmere Welt zu bekommen.“ An diese „Konfrontation“ werde ich in Togo sehr sensibel herangeführt. Die erwartete psychische Belastung durch gewaltige Wohlstandsunterschiede oder grauenhaftes Elend sind bislang noch ausgeblieben.
Es klang auch für mich immer schrecklich „arm“, wenn ein ganzes Dorf ohne fließend Wasser lebt. Nun lebe ich selbst so, und selbst als verwöhnter Europäer ist das überhaupt kein Problem. Man gewöhnt sich schnell und problemlos an Plumsklo und Eimerdusche mit Wasser aus dem nächsten Brunnen aus der Nachbarschaft; das ist nicht schlimmer als in Deutschland mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren. Das geht nicht nur mir so, sondern allen weißen Freiwilligen, die hier so leben und denen ich über den Weg gelaufen bin.
Heute frage ich mich viel mehr: Was ist Armut, und gegen welche Armut muss etwas unternommen werden? In einem Zeitungsartikel habe ich gelesen: „Bis zum Jahr 2015 soll die weltweite Armut halbiert sein - so haben es die Regierungschefs dieser Welt versprochen.“ Wer sich solche großen Ziele setzt, sollte sich vorher gut überlegen, was er damit meint…
Ich sehe Togo als ein Land mit großem Entwicklungspotential, dessen Realisierung jedoch ein sehr langwieriger, sensibler und komplexer (und teurer!) Prozess ist und eben deshalb auch so schwierig zu fördern ist. Auch hier gibt es Leute, die morgens zwar nichts zu essen finden aber ein chinesisches Handy mit TV, Internet und sonstigem hochmodernen Schnickschnack besitzen. Kinder (und Erwachsene!) kucken lieber schlechte französische Soaps auf alten Fernsehern mit miserabler Qualität (insofern sie einen haben), als mal ein Buch zur Hand zu nehmen (wenn sie denn eines hätten). im Internetcafé sieht man Jugendliche, die ihr Taschengeld für eine Stunde im Internet gespart haben und dort auf höchst ominösen Websites navigieren; in Lomé werden einem an jeder Straßenecke europäische Pornos angeboten.
Aber allgemein ist Togo noch ein eher unverdorbenes und „ursprüngliches“ Land. Der Umgang mit internationalen Einflüssen, die Transformation von der Ursprünglichkeit in die Moderne oder eine wünschenswerte Koexistenz von beidem, ist meiner Meinung nach die Herausforderung schlechthin an ein Land wie Togo. Und ihm bleibt auch leider keine andere Wahl, denn mit der Globalisierung nehmen die internationalen Einflüsse weiterhin zu. Und es muss schnell gehen. Wie will Afrika sonst jemals einen Einstieg in die sich rasch verändernde Moderne finden…? Aus die Maus, Siddharta…
Arbeit / Projekte
Müllprojekt
Das von ehemaligen Freiwilligen initiierte Müllprojekt, für dessen Umsetzung die Freiwilligen meiner Generation UND meine Association Campagne des Hommes, für die ich offiziell arbeite, verantwortlich seien sollte, war für die hiesigen Verhältnisse erfolgreich. Es liegen wohl immer noch einige Mülleimer im Hauptsitz CDHs für ihre Platzierung bereit, aber keiner meint sich darum kümmern zu müssen und aus unserem Dorf Agou lässt sich da auch nicht viel bewegen. Dennoch scheinen die ca. dreißig installierten Mülleimer in Kpalimé viel genutzt und mittlerweile auch regelmäßig von der Stadtverwaltung mit einem kleinen Trecker geleert zu werden. Außerdem habe ich mit Freude und Erstaunen festgestellt, dass nun die Verwaltung Kpalimés selbst angefangen hat, qualitativ viel hochwertigere Mülleimer in ganz Kpalimé aufzubauen. Vielleicht hat ja unser Mülleimerprojekt zu dieser Initiative mit beigetragen. Wäre dies der Fall, ließe sich definitiv von einem vollen Erfolg des Projektes sprechen.
Jardin d’enfants
Ich arbeite neben der Schule immer noch im Kindergarten unseres Dorfes, der eher einer Vorschule in Deutschland gleicht. Die Kinder lernen dort Punkte, Striche und Kreise zu malen, viele haben wohl das erste Mal in ihrem Leben einen Stift in der Hand. Außerdem lernen sie ihre ersten französischen Worte, denn zu Hause wird meist nur Ewe gesprochen.
Das Projekt besteht erst seit zwei Jahren und wurde mit von CDH aufgebaut und finanziert. Die Kindergärtnerin macht ihre Arbeit sehr gut und kriegt weniger als einen Hungerslohn im Monat; nichts im vergleicht zu dem Gehalt unseres Gastvaters von ~55€ im Monat.
Wir Freiwilligen wechseln uns mit der Arbeit dort ab, aber leider ist keiner von uns allzu engagiert dabei, da wir vormittags grundsätzlich durch unsere Arbeit am Collège und nachmittags momentan durch das Fußballtraining ausgelastet sind. Ansonsten wäre der Jardin eine gute Möglichkeit Ewe zu lernen, dann könnte man die Kindergärtnerin auch sinnvoller unterstützen.
Wenn ich manchmal für kurze Zeit allein mit den Kindern bin, bricht Krieg aus. Mit meinen stark begrenzten Ewekenntnissen kann ich nichts anderes machen als hilflos zukucken oder mitkloppen, denn wenn ich einmal versuche einzugreifen, denken die Kinder freudig, ich würde nun beim Krieg mitspielen. Allgemein behandeln die Kinder mich dort ohnehin als ein kleines Weißes Maskottchen. Ab und zu wird mal nachgeprüft ob ich noch da bin, man streichelt oder haut mich eine Runde, dann widmet man sich wieder seinen eigenen Angelegenheiten.
Sehr deutlich wird im Jardin d’enfant, dass es „Erziehung“, wie wir sie in Deutschland gewohnt sind, in der togoischen Familie nicht gibt. Selbst in unserer lieben und eher fortschrittlichen Gastfamilie, hört man nie „das ist hast du gut / schlecht gemacht, weil…, das sollst du (nicht) machen, weil…“; dafür wird den Kleinsten ständig an den Kopf geschmettert „Je vais te tapper“ [= ich werde dich schlagen), was aber fast nie umgesetzt wird.
Collège
Meine Arbeit als Sportlehrer ist nach wie vor meine Hauptbeschäftigung. Ich unterrichte eigenständig und alleine, einzige Vorgabe sind die sechs Disziplinen Sprint, Ausdauer, Seilklettern, Kugelstoßen, Weit- und Hochsprung. Es ist übrigens eine einmalige Möglichkeit für alle angehenden Lehramtsstudenten, sich in diesem Beruf zu testen. Die Arbeit macht sehr viel Spaß und ist herausfordernd. Wie wohl in jedem Lehrerberuf liebt man seine Schüler manchmal, wenn sie aus gar keinem sichtbaren Grund sich plötzlich alle 60 drei Runden in Reih und Glied einlaufen, und hasst sie manchmal, wenn man unter Zeitdruck ist und schon wieder drei Viertel des Kurses wegen Undiszipliniertheit für Umziehen und Appell draufgehen und drei pubertierende Idioten sich immer noch irgendwo am Horizont mit anderen Dingen als seinem Unterricht vergnügen.
Mein Unterricht ist manchmal auch mit einer guten Portion Schauspiel verbunden, in dem ich meine Unwissenheit durch Entschiedenheit oder eine gute Mischung aus Ernst und Humor versuche zu überspielen. In manchen Situationen kann ich mich auch ehrlich besser mit meinen Schülern identifizieren und würde mich lieber vor Lachen mit ihnen unter den Tisch schmeißen, als mit ernster Miene irgendeinem Blödsinn autoritärerer Lehrkräfte zu lauschen.
Fast in jeder meiner Sportstunden, in denen ich meine Schüler während der Einheit „Resistance“ ihren Ausdauerlauf machen lasse, kippt ein Schüler um oder hat Magenkrämpfe, daran habe ich mich mittlerweile schon gewöhnt. Weil sie am Morgen nichts zu essen gefunden hätten, sagt mein Kollege, ein Englischlehrer, mit dem ich mich sehr gut verstehe. Neulich hatte eine meiner kleinsten Schülerinnen so etwas wie einen epileptischen Anfall, dem war ich wirklich nicht mehr gewachsen. Nach reichlich Geschrei, Krampf und Sabber ist sie dann auf dem Weg zum Krankenhaus wieder aufgewacht und konnte sich an nichts mehr erinnern. Was es genau war weiß keiner und eine Analyse wäre zu teuer. Die macht auf jeden Fall keinen Sport mehr bei mir.
Ich habe das Gefühl, für meine Schüler nicht mehr bloß weiß, sondern ihr Sportlehrer zu sein und als solcher auch ernst genommen zu werden. Auf den Lehmwegen meines Dorfes werde ich fast nur noch mit „Bonsoir, Monsieur“ und nicht mehr mit „Yovo, Yovo“ begrüßt.
Meine Schüler würden immer noch denken, ich wäre 35-jähriger studierter Sportlehrer aus Europa, sagt mein Kollege. Das ist wohl der Hauptgrund dafür, dass selbst Schüler, die eigentlich älter sind als ich, mich überhaupt respektieren und Unterricht möglich ist.
Es ist schon eigenartig, dass ich zwanzigjähriger Abiturient hier den Titel „Professeur“ du Sport tragen darf, für den man selbst in Togo eigentlich studiert haben muss und den nicht einmal mein Gastvater als Grundschullehrer innehat.
Probleme
Dass ich nicht mit Geschenken auf der Straße um mich schmeiße, obwohl das übrigens viele Einheimische (vor allem Kinder) penetrant von einem verlangen, ist klar. Aber die gefährliche „Geberrolle“ des Weißen, vor der man immer so eindringlich gewarnt wurde, ist tatsächlich eine schwierige Angelegenheit. Denn wer einmal gibt, gibt immer. Und wer einem gibt, muss allen geben. Und das geht nicht.
Meine gesamte Fußballmannschaft hat nach einem „Übernachtungscamp“ vorm Spieltag nicht gemeinsam frühstücken können (Maisbrei), weil sie das Geld nicht zusammenbekamen. Alles zusammen wären das umgerechnet keine 5 Euro gewesen. Hätte ich ihnen das bezahlt, wäre ich wohl auch in Zukunft klarer Geldgeber in solchen Situationen und Schüler und Lehrer würden mich als solchen hochleben. Gleichzeitig würde es wieder viele Stereotypen des ungerecht reichen Weißen rechtfertigen und Neid und Missmut über die eigene Situation wecken.
Ursprünglich hatte ich den Wunsch, möglichst viel Kontakt zu Schwarzen, möglichst keinen Kontakt zu Weißen zu haben und mich so weit wie möglich in eine Dorfgemeinde oder ähnliches zu integrieren.
In Kpalimé leben zeitweise rund dreißig weiße Freiwillige, die sich zum Teil auf den Füßen stehen. Hier auf dem Dorf ist das zum Glück nicht so, aber auch in meiner Gastfamilie sind wir stets zu dritt. Ich hatte damit hier nie ein Problem. Schwarze lernt man so oder so viele kennen, und es ist gut seine Erfahrungen mit anderen Freiwilligen hier teilen und sich gegenseitig austauschen zu können. Nichtsdestotrotz, ist es der Integration nicht förderlich, und ich fühle mich oft mehr Teil eines kleinen weißen Klüngels als eines kleinen schwarzen Klüngels. Ist vielleicht auch natürlich.
Am Ende unserer Reise im Januar haben wir im Norden Togos einen Abstecher in die Universität von Kara (zweite Universität von Togo, neben Lomé) gemacht. Da wurde uns vor Augen geführt, dass es schon einen gewaltigen Unterschied macht, ob mein Gesprächspartner zwanzig ist und an der Uni studiert, oder ob mein Gesprächspartner ein 25jähriger Rasta ist der jeden Weißen gleich zu Beginn des Aufenthaltes stürmisch und euphorisch mit „Mon ami“ etc. auf den Straßen von Kpalimé beschlagnahmt.
Letzteres hat man in Kpalimé zu Häufe, ersteres hat man in Kpalimé gar nicht, da es nun mal keine Universität gibt. Ein gesunder Mix aus beidem wäre angenehmer, dann könnte man sich auch mal mit Schwarzen in meinem Alter etwas tiefgründiger über kulturelle Unterschiede oder Politik auseinandersetzen.
Fazit
Das mir vor meinem FSJ entgegengehaltene Vorurteil „In Afrika schlagen sie sich doch alle die Köpfe ein“ hat sich bisher nur im Jarin d’enfants bestätigt. Man übersieht leicht, was für ein großer Kontinent Afrika ist und kann die wenigen medialen Informationen über Krisenherde wie Somalia oder Kongo, die häufig unsere einzigen Assoziationen mit diesem Kontinent ausmachen, nicht als „Afrika“ abstempeln.
Auch im Vergleich zu anderen FSJlern, deren Rundberichte ich regelmäßig bekomme und lese und die ebenso wertvolle Erfahrungen machen wie ich, bin ich froh, mich für den afrikanischen Kontinent entschieden zu haben, für das kleine Land Togo, und schließlich nahe einer Kleinstadt in einem Dorf zu wohnen und nicht in einer Großstadt.
In erster und zweiter Gastfamilien wurde ich mit großer Freude und Herzlichkeit aufgenommen und ich lebe das afrikanische Familienleben aktiv mit. Meine beiden Gastväter sind mir gute Freunde geworden und mit ihnen lässt sich immer und interessant über Politik, Probleme oder das Wetter reden und diskutieren.
Die Erfahrungen, die ich hier sammle, sind einzigartig und durch nichts ersetzbar. Bis Juli 2008 hatte ich keine Ahnung, was mich in Afrika erwarten würde. Nun bin ich mir sicher: Wenn ich irgendwelche Erwartungen hatte, dann wurden sie hier sogar übertroffen.
Mittwoch, 21. Januar 2009
6. Bericht aus Togo, Januar
Hallöchen!
Frohes neues Jahr, ich hoffe man ist gut reingerutscht und hatte eine stressfreie und besinnliche Weihnachtszeit.
Nach meiner fast dreiwöchigen Auszeit in Ghana habe ich nun allerhand zu tun, nicht nur mit dem Einstieg ins zweite Trimester, auch mit meiner Studien- und Uniwahl, denn so manche Bewerbungsfristen sind bereits abgelaufen…dennoch nehme ich mir jetzt für meinen sechsten Bericht Zeit, denn es gibt mal wieder allerhand zu erzählen. Ich werde mich kurz fassen.
Vorweihnachtszeit: Schule
Ich bin mit all meinen Klassen durch die von mir gewählten Trimesterdisziplinen Sprint und Weitsprung durchgehetzt und habe sie mit Email-Hilfe und -Ratschlägen meines ehemaligen Sportlehrers in Deutschland mehr oder minder erfolgreich abgeschlossen.
Zeugniskonferenzen im deutschen Sinne gab es an meinem kleinen Collège keine oder ich wurde nicht zu ihnen eingeladen. Ich habe die gesamten Bulletins (Zeugnisse) meiner 200 Schüler einfach mit nach Hause genommen und dort so gewissenhaft wie möglich die Trimesternoten eingetragen. Völlig unaussagekräftig und wohl für kaum Jemanden oder die Zukunft besonders relevant, aber ziemlich viel Arbeit. Auf Anweisung meines Dirktors musste ich alle Schüler auf mindestens 10 Punkte („passable“, vielleicht einer „4“ in Deutschland entsprechend) bringen, und dennoch gerecht zu bewerten ging eigentlich gar nicht. Da stellt sich die Frage, ob man Sport überhaupt bewerten sollte, denn es gibt immer ein paar Kandidaten (-Innen), die abgrundtief aus dem Bewertungsschema herausfallen und auf legalem Weg nicht mehr zu retten sind. Als Schüler weiß man es wirklich gar nicht zu schätzen, wie viel Arbeit hinter jeder vorbereiteten Stunde steht und wie viel kostbare Zeit in das obligatorische Abtesten von Wissen oder Leistung und die Notengebung investiert wird.
Weihnachten
Da wir am 24.12 bereits nach Ghana aufbrechen wollten, haben wir eine vorgezogene Bescherung mit unsere Gastfamilie am 23.12 gemacht. Da haben wir Weihnachtsmann gespielt und sind voll und ganz in die „Geberrolle“ gefallen, worüber es auch etwas Zoff unter uns Freiwilligen gab. Wir hatten alle drei noch lauter (Gast-)Geschenke aus Deutschland, die wir nun mal loswerden wollten und wir haben der Familie definitiv eine –kurzzeitige- Riesenfreude gemacht. Unsere dicke Gastmutter ist bei jedem Geschenk auf’s Neue wie ein Kind im Kreis gehüpft und auch der sechsköpfige Rest der Familie war in Ekstase. Habe ich alles auf Video.
Es fällt mir schwer ausdrücken warum, aber irgendwie hat mir die Bescherung dennoch nicht gefallen. Vielleicht war es die kindlich-naive Euphorie meiner Gasteltern, die mich plötzlich in die Rolle der Eltern versetzt hat. Man hätte ihnen in dem Moment problemlos erzählen können, dass es den Weihnachtsmann in Europa wirklich gibt, und sie hätten es womöglich geglaubt. Vielleicht hat es mich auch unglücklich gemacht, dass sich die Menschen hier an einer simplen Weihnachtsbescherung, wie es sie jedes Jahr in so gut wie jeder deutschen Familie gibt, nur erfreuen können, wenn sie Weiße Gäste in der Familie aufnehmen. Vielleicht war es auch schlichtweg die Bestätigung des Klischees (oder der Realität?) der weißen, unverhältnismäßigen materiellen Überlegenheit und des Überflusses, mit der und mit dem man gerade zu Weihnachten nur so um sich schmeißt.
Ich hatte in meinem vierten Bericht von „Neid, Hass, Ehrfurcht, Angst, Freude, Respekt oder Verachtung“ im Kontext der Empfindungen eines Schwarzen gesprochen, der meine weiße Haut auf der Straße sieht. Mag sein, dass meine Ansichten nach unserem Ghanaurlaub, in dem wir zwangsläufig die fragwürdige oder zumindest unsensible Rolle eines Weißen Touristen in Afrika einnahmen, etwas geschädigt sind, aber mittlerweile sehe ich diese Begriffe als fast zu Abstrakt an. Das erste, was ein Schwarzer mit meiner Haut hier assoziiert, ist Geld.
Und das ist dem kulturellen Austausch überhaupt nicht förderlich. Denn letztendlich erscheint es uns, als wäre man hier an eben diesem Austausch oder an unserer Person gar nicht interessiert. Ob unsere Nachbarin, unsere eigene Gastmutter oder gar die Kollegen vor den Augen der Schüler, kaum einer hat meine Mitfreiwillige Lina ihren Heimflug letzten Samstag antreten lassen, ohne vorher nicht doch noch einmal nach Geld oder einer Mitflugmöglichkeit zu betteln. Das enttäuscht und es wird zunehmend schwieriger, damit weiterhin geduldig, tolerant, verständnisvoll, humorvoll und positiv umzugehen.
Und wenn ich den Gourmetinhalt meiner Weihnachtspakete mit meiner Gastfamilie teile oder in Accra für ein halbes Monatseinkommen Pizza mit meinen schwarzen Freunden essen gehe, ist das dann kultureller Austausch oder bloß eine Demonstration des Wohlstandes?
Ich bin froh meinen Aufenthalt hier nicht auch an dieser Stelle zu beenden, sondern noch ein halbes Jahr Zeit habe, mir darüber Gedanken zu machen. Denn man darf auch nicht vergessen, dass die finanziellen Disparitäten nicht bloß Klischee, sondern unbestreitbar wahr sind. Mein Gastvater ist Alleinverdiener und verdient als Grundschullehrer 35.000 FCFA, umgerechnet nicht mal 55€ im Monat, mit denen er auch seine Frau und seine fünf Kinder durchbringen muss, Schulbildung inklusive.
Offiziell leiden 79% der ländlichen Bevölkerung, 50% der Stadtbevölkerung Lomés [Reiseführer „Le Petit Futé“] unter absoluter Armut, heißt, sie verdienen umgerechnet weniger als 1$ pro Tag. Eine realistische Einschätzung, in so weit ich das beurteilen kann. Wie sollte man ihnen da die Bettelei noch übelnehmen…
Die Reise
Ich habe eine tolle Reise hinter mir, auf der ich viele neue Eindrücke gewonnen und Erfahrungen gemacht habe. Die gesamte Reise haben wir uns nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortbewegt, meist umgebaute Kleinbusse die in Ghana „Trotro“ genant werden und klein, eng, unbequem aber billig und mäßigschnell sind. Mit auf der Reise waren nicht nur wir drei Yovos, sondern auch unser Freund Momo, der sein Herz eindeutig am rechten Fleck aber sich leider als auf einem dermaßen anderen Intellekt (Analphabet!) entpuppt hat, dass es manchmal auch etwas schwierig war. Immerhin wurden wir kein einziges Mal bedroht oder beklaut, das haben wir vielleicht auch seiner Präsenz zu verdanken. Ich hoffe das klingt nicht zu arrogant.
Von Kpalimé aus haben wir eine Rundreise durch ganz Ghana gemacht, zunächst die Küste entlang und schließlich durchs Zentrum in den Norden, wo wir die Grenze nach Togo passiert haben und zurück nach Kpalimé gereist sind. Es ist sicherlich anschaulich, sich die Route mal auf einer (Online-)Landkarte anzukucken.
Erster Stopp ist Akosombo, wo ein Staudamm das Wasser des weltweit größten künstlichen Sees „Lake Volta“ hält. Aus den Turbinen dieses in den 60er Jahren aufgezogenen und von Europa und Amerika finanzierten Entwicklungsprojekts zieht Ghana heute 70% seiner Energie, 10% der gewonnen Energie wird u.a. nach Togo exportiert. Zudem hat der See die Etablierung einer Fischfangindustrie ermöglicht und gilt als Touristenattraktion.
Damals mussten über 84.000 Menschen zwangsumgesiedelt werden, „for the greater good“ erklärt und unsere Führung stolz. Dennoch wäre Ghana ohne diesen Staudamm mit Sicherheit nicht so sehr Vorzeigeland Westafrikas wie es heute ist.
Ein Togoer müsste eigentlich nicht nach Europa reisen, um eine andere Welt zu erleben. Ghanas Hauptstadt Accra reicht. Autobahnen, mehrspurige, schlaglochfreie Straßen, Ampeln, Bürgersteige, Hochhäuser - nach fünf Monaten Togo werde ich etwas desillusioniert. Bereits die hohen Beton- und Stahlstrommasten hatten den afrikanischen Busch entlang der Straße nach Accra irgendwie verfremdet.
Wir schlafen jedenfalls drei Nächte in einer kleinen Rasta-Enklave in einer Holzhütte direkt am zugemüllten und zugeschissenen Strand bei einem Freund unseres Freundes auf dem Boden, was nicht nur umsonst und ziemlich cool ist, sondern zeigt, dass auch in Accra nur gewisse Gesellschaftsschichten von dem hohen Entwicklungsstand profitieren.
Ansonsten sind die eindrucksvollsten Erlebnisse wohl das von Armut geprägte Fischerdorf, in dem uns unsere Connection herumführt und welches mich sehr an die Beschreibung eines eben solchen aus einem Spiegelartikel erinnert, und, im totalen Kontrast dazu, die umwerfende Universität Accras, die wiederum zeigt, dass es auch anders geht und mich an meiner Rolle in Togo hat zweifeln lassen. Sie wissen doch wie es geht, sie haben doch den Zugang zu dem nötigen geistigen Potential…
Nach einer Nacht auf einer Reggaeparty mit unseren neuen Rastafreunden in Krokobite, einem sauberen (!) und herrlichen Touristenstrand, fahren wir weiter nach Cape Coast, ehemalige britische Kolonialhauptstadt und einst das größte Sklavenhandelszentrum ganz Westafrikas. Sehr interessant und bedrückend das Cape Coast Castle, von dem aus einst Millionen von Sklaven in die neue Welt verschifft wurden.
Das Touri-Programm kommt nicht ohne einen Abstecher in den nahen Kakum National Park aus, wo wir auf Hängebrücken durch die Baumwipfel über einem kleinen Stückchen geschützten Urwaldes klettern und ein paar kleine Affen sehen.
Auf dem Weg in den muslimischen Norden finde ich einen neuen Freund. Der neun-jährige Samuel will einmal Fußballprofi werden und wächst mir mit „I’ll take you as my friend“ nicht nur ans Herz, sondern gibt mir mit „I will learn hard and I will be like you“ auch wieder etwas zu denken…
In Kumasi gehen wir auf dem größten Markt West Afrikas, in dessen Gedränge so mancher Europäer aus Stress und Platzängsten mit Sicherheit durchdrehen würde. Etwas weiter nördlich machen wir halt in einem kleinen Affenreservat.
Die Landschaft wird langsam gelber und geht in Savanne über, so wie man (ich zumindest) sich Afrika eher vorstellt. Wir befinden uns übrigens in der Trockenzeit, seit rund zwei Monaten hat es selbst in der grünen Region um Kpalimé in Togo nicht mehr geregnet und der Wasserstand des Brunnens unserer Nachbarin sinkt kontinuierlich.
Noch weiter nördlich, in Richtung des Mole National Parks, werden wir auf Grund einer Panne unseres Tro-Tros, bei der ich die Hilfsbereitschaft, die Geduld, die entspannte Gelassenheit und den Gemeinschaftsgeist der Afrikaner hervorheben muss, zu einer Zwangsübernachtung in Tamale gezwungen. Die Stadt ist teuer und gefällt uns nicht, was allerdings auch mit der Panne zu tun haben mag.
Im Mole National Park selbst machen wir eine interessante Walking-Tour, auf der wir ein paar Wildtiere wie Antilopen, Paviane, Warzenschweine und schließlich aus weiter Ferne einen Elefanten, vor allem aber den Lebensraum dieser Tiere zu sehen bekommen.
Wer an Löwen, Giraffen, Zebras etc. interessiert ist, wäre in Kenia, Südafrika oder Hagenbek’s Tierpark besser aufgehoben.
Etwas außerhalb des Parks, im Ort Larabanga, führen wir ein sehr interessantes Gespräch mit dem Besitzer eines Guesthouses, nämlich über die (bisher in diesem Bericht viel zu kurz gekommenen) hochaktuellen Wahlen in Ghana.
Exkurs: Die Wahlen
Ich weiß nicht, in wie weit man in Europa oder dem Rest der Welt davon etwas mitbekommt, aber ganz Ghana ist unglaublich politisiert. Bereits in Cape Coast und Kumasi hatte nach jeden neuen Wahlergebnissen auf den Straßen eine Herde Grizzlybären gesteppt. Häufig auf beiden Seiten zu gleich, sowohl die Anhänger der seit acht Jahren regierenden New Patriotic Party mit dem Slogan „Moving Forward“ und entsprechender Geste mit den Händen, die einem Männchenmachenden Karnickel beim scratchen ähnelt, als auch die Anhänger des National Democratic Congress, mit dem Slogan „Change“ (Ja, die können’s auch) und entsprechender Geste mit den Händen, die der eines Fußballspielers der um Auswechslung fleht gleicht.
Unser Guesthousebesitzer hätte für eine Schwesterpartei der NPP gewählt. Er ist mächtig stolz auf sein Land, das die landesweite Party bei der Verkündung eines so unglaublich knappen Wahlergebnisses (Stichwahl: 50.3% zu 49.7% (?)) nicht eskaliert ist, vor allem nach dem, was man 2006 im „Vorzeigeland“ Ostafrikas Kenia erlebt hat. „We are one people“, so wolle sich Ghana auch in Zukunft nach außen hin präsentieren und so hat Ghana –wenn es denn so ist- einem Land wie Togo auch in dieser Hinsicht tatsächlich einiges voraus.
Ob bei der Auszählung der Stimmen alles mit rechten Dingen zugegangen ist wisse er nicht, aber wenn der NDC nicht gewonnen hätte, wäre die Situation womöglich nicht so friedlich ausgegangen, denn sowohl die Opposition als auch die internationale Staatengemeinschaft hätten der Regierung Wahlbetrug vorgeworfen. Der NDC musste also gewinnen.
Den proklamierten „Change“ stellt er als reinen Populismus dar, und lobt einige politische Errungenschaften der NPP in den letzten acht Jahren, beispielsweise in Sachen Infrastruktur und Krankenversicherung. Kaum ein Ghanaer verstehe wirklich etwas von Politik oder habe die Bildung und Urteilsvermögen über oder den Einblick in die Programme der Parteien. Fakt sei bloß, dass es weiterhin großen Teilen vor allem der nördlichen Bevölkerung „schlecht“ geht, und dass bei eben dieser Wählergruppe der Slogan „Change“ verständlicherweise besser ankommt. Und, das haben wir selbst festgestellt, tatsächlich wird bis in die letzten von jeglicher Zivilisation abgeschnittenen Savannendörfchen Wahlkampf betrieben und um Stimmen gekämpft.
Mit Hinblick auf die enormen Entwicklungsunterschiede zwischen den Nachbarländern Ghana und Togo fragt man sich natürlich, ob diese wirklich noch auf die vor fünfzig Jahren offiziell beendete Politik der Kolonialmächte, oder auch auf den seit dem eingeschlagenen Kurs der unabhängigen Regierungen dieser Länder zurückzuführen ist. Setzt man auf Letzteres, muss die Politik Ghanas tatsächlich zumindest um einiges „besser“ als in Togo verlaufen sein, aber dafür weiß ich natürlich zu wenig über die Materie.
Zurück zur Reise: Vom National Park fahren wir über Tamale noch weiter in den Norden an die Grenze zu Burkina Faso nach Paga, wo wir für teures Geld ein unheiliges Huhn an einen Haufen heiliger Krokodile in einem heiligen Teich verfüttern lassen und das heilige Krokodil mal anfassen dürfen. Von Paga geht es süd-ostwärts Richtung Togo, wo wir uns binnen drei Tagen durch die guten, alten Schlaglöcher bis nach Kpalimé durchschlagen.
Einziger Halt ist das Dorf mit den gleichnamigen Völkchen der Tamberma, eines der sehr wenigen togoischen touristischen Attraktionen, in dem für teueres Geld eine seit 500-600 Jahren unverändert lebende Dorfgemeinde weißen Touristen unedel zur Schau gestellt wird.
So. Die Hälfte meines Aufenthaltes ist um, und an sich wäre es angemessen, ein Zwischenfazit zu ziehen. Da der Bericht damit aber zu lang würde, verschiebe ich das auf den nächsten, siebten Bericht. Ich könnte noch so viel erzählen; über die Schlachtung von Ziegen, über die emotionalen Fußballspiele meiner Schüler zwischen Klassen und Schulen, die hier scheinbar zum Hochpunkt im Leben zählen, über Trommelnächte und Fufu-Partys, über meine Zahlreichen Amöben, Würmer, Hautmaulwürfe und Malaria…
Im Moment geht es mir jedenfalls gut, ich bin nüchtern in Kumasi in einer Kirche (anders scheint man Silvester dort nicht zu feiern) reingerutscht und bin recht fit.
Beste Grüße aus Togo
