Sonntag, 21. Dezember 2008

5. Bericht aus Togo, Dezember

Fünfter Bericht

Ich habe schon sehr früh angefangen, über diese Entwicklungsunterschiede, die hiesigen Probleme sowie deren Ursachen, Folgen und Lösungsmöglichkeiten einen Bericht zu schreiben. Doch je länger ich hier bin und meine Erfahrungen mache, umso unmöglicher erscheint es mir, schon jetzt fundierte Schlüsse aus diesen zu jungen Erfahrungen zu ziehen. Die Thematik ist so umfangreich und komplex, dass es zu früh ist, ihr jetzt schon einen eigenen Bericht zu widmen.

Um dennoch einen Anfang in diese Richtung zu machen, geht es in diesem fünften Bericht um die Geschichte und die Gesellschaft Togos. Zwei zweifellos ähnlich weit reichende Themen, um die man jedoch nicht herumkommt, wenn man in diesem Land etwas verstehen möchte. Wir Freiwilligen haben sie u.a. auf einem Einführungsseminar hier in Togo im August behandelt, worauf ein Großteil dieses Berichtes basiert. Alle Daten sind entnommen aus dem französischen Togoreiseführer „petit futé“ (2008), LonelyPlanet-Westafricaführer oder dem Geschichtsbuch meines hiesigen Französischlehrers.

Natürlich sammele ich meine gesamten Erfahrungen nur in dem kleinen westafrikanischen Land Togo. Dennoch sind Geschichte und Probleme Togos seit dem Beginn der Kolonialzeit im Großen und Ganzen mit Sicherheit auch auf viele andere Länder Afrikas projizierbar, wo ähnliche Entwicklungen stattfanden und stattfinden.

Ich freue mich auf Rückfragen Ihrer/eurerseits.

  1. Geschichte Togos

Frühe Geschichte

Auf unserem Seminar beginnt die Geschichte Togos mit der „Entdeckung“ 1884 durch Gustav Nachtigal, mit der pre-kolonialen Geschichte scheint man sich nicht viel auseinanderzusetzen. Nur auf Nachfrage wird knapp erläutert, dass es vor 1884 verschiedene Königreiche und den „traité de negre“, das Abkommen über den Sklavenhandel gab. Sowohl englische, französische als auch deutsche Händler waren zuvor an der westafrikanischen Küste tätig, wobei die Knotenpunkte der Sklavenverschiffung entlang der Küste des heutigen Ghanas lagen.

1884 beginnt mit dem „traité de protectorat“ (Schutzabkommen) zwischen Deutschland und Mlapa III., König der Ewé, die Kolonialzeit Togos. Das bedeutet jahrelange Knechtung der Einheimischen und Landraub durch die Deutschen, begleitet von zahlreichen fehlgeschlagenen Aufständen der Einheimischen. Die Deutschen führen Kaffee, Kakao, Erdnüsse und Baumwolle ein, festigen die Viehzucht, führen industrielle Errungenschaften wie den Webstuhl ein, bauen Eisenbahnlinien, Straßen, Schulen (Unterricht auf Deutsch) und Krankenhäuser, missionieren, errichten eine Werft. Togo gilt als „Musterkolonie“ und soll als Vorbild aller Kolonien dienen.

Auch wenn die Kolonialisierung grundsätzlich verurteilt wird, schätzt man heute die Kolonialisierung durch die Deutschen, während man die 1914 beginnende französische Verwaltung verachtet, und auch die heutigen Missstände Togos u.a. auf die französische Politik zurückführt. Diesen andauernden Hass gegen die Franzosen und das Wohlwollen den Deutschen gegenüber kriege ich noch heute deutlich zu spüren und mir wird oft gesagt, dass es gut ist, dass ich deutsch und nicht französisch bin. Wenn die erste Frage nicht „Jovo, ca va?“ ist, dann ist es oft „Francais?“, und wenn man dann „non, Allemand“ entgegnet, wird man mit fast entschuldigendem Blick gleich viel freundlicher angekuckt, „J’aime les Allemands.“ Mir kommt es so vor, als würden sich die Menschen hier häufig auf ein undifferenziertes Gut-Böse-Bild beschränken und Tatsachen außer Acht lassen.

1914 fallen Franzosen aus Osten (Benin) und Engländer aus Westen (heute Ghana) in Togo ein und erlangen ihren ersten Sieg im ersten Weltkrieg. 1922 wird Togo über das Völkerbundsmandat zwischen England und Frankreich aufgeteilt, d.h. ein Teil Togos gehört von nun an zur „Goldküste“ Ghana. Die Grenzziehung verläuft durch das Gebiet des bevölkerungsreichen Volkes der Ewé (in deren Gebiet auch ich lebe), die somit heute nicht nur einen großen Teil der togolesischen Bevölkerung sondern auch ~10% der ghanaischen Bevölkerung ausmachen.

An dieser Stelle einen kleinen Exkurs über die Bevölkerungsgruppen Togos: In Togo leben heute zwischen fünf und sechs Millionen Menschen, bestehend aus 39 Ethnien. Die größte Bevölkerungsgruppe sind die „Adja Ewé“, die in sechs Untergruppen 46% der Bevölkerung ausmachen und im Süd- und Zentraltogo leben. Die „Kabyè-Tem“ [26,7%], bestehen aus vier Untergruppen und leben eher im nördlichen Togo. Ebenso die „Para-Gourma“ [16,1%] mit sieben Untergruppen.

Während sich die Ewé so gut es geht verweigern, mit den Franzosen zusammen zu arbeiten, kooperieren die Kabyé u.a. auch militärisch mit den Franzosen [Seminar]. Über die folgenden 56 Jahre bis zur Unabhängigkeit erfahre ich nur, dass Frankreich nichts als Ausbeutung betrieben hat, und die deutschen Errungenschaften für sich genutzt und verkommen lassen hat. So kommt es beispielsweise, dass heute nur noch eine einzige intakte Zugstrecke in ganz Togo existiert.

1960 erlangt Togo, wie die meisten afrikanischen Kolonien um diese Zeit herum, seine Unabhängigkeit. „Sylvanius Olympio“, Ewé-stämmig, wird erster Präsident der unabhängigen Republik Togo und 1963 ermordet. Auf dem Seminar wird er als hoch gelobter Pazifist und Intellektueller dargestellt; sein Mord als Komplott zwischen Frankreich und den Kabyè (zweitgrößte Bevölkerungsgruppe Togos), die durch die Unabhängigkeit beide an Macht und Einfluss im Land verlieren. In meinen Reiseführern wird sein Mord (vermutlich etwas objektiver) als Resultat ethnischer Spannungen innerhalb Togos und auf Olympios Politik zurückgeführt.

Junge Geschichte

Nach einigen Jahren wackliger Regierungsversuche kommt 1967 der Diktator Eyadema Gnassingbé an die Macht, ein Kabyé. Dort bleibt er auch bis zu seinem Tod 2005. Auf dem Seminar erfahre ich über diese 38jährige Legislaturperiode nichts.

Anfang der 1990er Jahre kommt es zu ethnischen Unruhen, Konflikten mit der Armee und Protesten gegen Eyadema, begleitet von international wachsendem Druck, dem Rückgang von Entwicklungsgeldern und schließlich einem neunmonatigen Generalstreik. Das Resultat sind Tote, tausende Flüchtlinge in Nachbarländer und ein schwerwiegender Einbruch der ohnehin fragilen Wirtschaft. Bei den anschließenden Versuchen demokratische Wahlen durchzuführen werden deren Resultate weder international noch von der Opposition anerkannt, die der Regierung Wahlmanipulation vorwirft und weitere Wahlen boykottiert.

Nach dem Tod Eyadema Gnassingbés 2005 setzt die Armee seinen Sohn Faure Eyadema an seine Stelle, begleitet von Unruhen, bei denen in der Hauptstadt Lomé 500 Menschen getötet werden [R] und abermals tausende Menschen in Nachbarländer flüchten. In den darauf folgenden Wahlen wird Faure mit 60%er Mehrheit in seinem Amt bestätigt.

Ich gebe meinen ersten Gastvater wieder: Am Todestag Eyadema Gnassingbés, feiert ganz Kpalimé. Als zwei Stunden später bekannt gegeben wird, dass Eyademas Sohn Faure an seine Stelle tritt, betrinkt er sich und trauert. Alle bisherigen Wahlen seien gefälscht und die Regierung wird von den Ewé nicht als legitimiert anerkannt. Man wagt nicht [mehr] zu demonstrieren oder zu streiken, da jede Art des Auf- bzw. Widerstands tödlich enden kann.

Dennoch hat mit Faure Gnassingbé eine neue Ära togolesischer Politik begonnen, der die meisten Menschen optimistischer begegnen als der Vergangenheit.

  1. Gesellschaft Togos

Die Familie

Noch heute befinden sich 43% [R] der togolesischen Frauen in einer polygamen Ehe, d.h. ein Ehemann als Familienoberhaupt verfügt über mehrere Ehefrauen. Es gibt sehr starke und große Familienbände, bestehend aus Großeltern, Vater, mehreren Ehefrauen, Kindern (Fertilitätsrate: 5,4 Kinder/Frau), Cousins und Cousinen, Tanten und Onkels etc, die zusammen ein ganzes Dorf ausmachen können. Der Vater entscheidet über die Heirat der Kinder, wobei stets die Tochter im Durchschnitt mit 18 Jahren die Familie verlässt um mit der Familie des künftigen Ehemannes zu leben. Der Ehemann zahlt Mitgift an den Vater der Frau, andersrum als es in Europa der Fall war.

Es gibt eine strenge Rollenverteilung, wobei die Frau sich um Kinder, Haushalt und Handel kümmert und viel Zeit in der Küche oder auf dem Marktstand verbringt, während der Mann auf dem Feld arbeitet. So ist der Großteil der Männer egal welchen Alters sehr muskulös und durchtrainiert, während die Frauen, fast durch die Bank weg, zwar eine schlanke Jugend, dann aber unglaublich korpulente Wechseljahre durchmachen.

Wenn in meiner ersten Gastfamilie die Mutter auf dem Markt und der Vater auf dem Feld arbeitet, klebt der kleinste Bruder stets am Rücken der Mutter, während sich die restlichten Kinder zu Hause um sich selbst und den Haushalt kümmern. Die Kinder sind häufig sich und ihrer Erziehung selbst überlassen. Kinderzimmer oder Spielsachen im europäischen Sinne gibt es schlichtweg nicht.

Allgemein spielt sich das meiste Leben außerhalb auf dem Hof ab, und eine Hauptbeschäftigung der Kinder ist im Haushalt oder auf dem Feld zu helfen. Meines Erachtens wird dies vor allem im jungen Alter aber nicht als Arbeit, derer man sich lieber entziehen würde, empfunden. Sondern als Leben. Es gibt nichts anderes zu tun.

Während wir Freiwilligen in meiner zweiten Gastfamilie jeder ein eigenes Zimmer mit Bett, Tisch und Stuhl haben, schläft der Rest der Familie (das sind Eltern plus drei, am Wochenende sogar plus fünf Kinder, wenn die beiden ältesten aus Kpalimé vom Lycée nach Hause kommen) hinter einem Vorhang im „Wohnzimmer“, wo sie sich ein Bett und den Boden zum schlafen teilen. Und mehr Räume hat dieses Haus, was sich durchaus nicht jeder leisten kann, nicht. Küche und Klo sind außerhalb.

Religion

Als vorherrschende Religion gelten bis heute „Naturreligionen“, diverse Ausführungen des Voodoo (Fetischismus). Heiligtum kann praktisch jeder Gegenstand sein, von Baum, Wald, Wasserfall bis zur Puppe, der dann einen Gott oder Geist verkörpert. Viele der ursprünglichen Heiligstätten sind mittlerweile zerstört, und ich halte das religiöse Leben in Togo für einen sich in der Entwicklung befindenden Prozess. Ich habe zwar mittlerweile erlebt, dass es nicht in jeder Kirche so spektakulär zugeht wie bei meinem ersten Kirchengang hier (zweiter Bericht), aber dennoch wirken in vielen christlichen Gemeinden (offiziell ca. 30% der Bevölkerung) Elemente des Voodoo stark mit, und ich nehme an, dass es bei den Muslimen (offiziell ca. 12%), die vorwiegend im nördlichen Togo leben, ähnlich zugeht. Allein in der Hauptstadt Lomé soll es über 400 Sekten geben und es lässt sich häufig keine klare Grenze zwischen Sekten, vermeintlich christlichen Gemeinden und dem Voodoo ziehen.

Paradox erscheint mir, dass manche Christen dennoch fast allergisch auf Voodoo reagieren und die Voodoopraktizierenden bei den hiesigen Christen nicht gut angesehen sind. Wenn man einen „schwachen Geist“ hat, sollte man sich als Christ von Voodoozeremonien fernhalten. Da spricht Angst aus der Seele vor den Geistern des Voodoo, an die man als Christ doch gar nicht mehr glauben sollte! Ist der weiße Gott nicht außerdem auch eine Aufzwängung aus der Kolonialzeit, die mit der Unabhängigkeit 1960 hätte abgelegt werden können?!

Darauf wird mir entgegnet, die Menschen hier hätten schon immer an ihre eigenen Götter, Geister und höhere Gewalten geglaubt, die Europäer haben dem Glauben der Afrikaner mit dem Christentum nur das passende Bild verliehen.

Vielleicht liegt es an meinem sündigen Nichtglauben, dass mir diese Sphären nicht ganz begreiflich sind.

Demographie und Allgemeines

44% der Bevölkerung sind jünger als 15 Jahre, 70% jünger als 30 Jahre. Bedenkt man nun noch, dass die Lebenserwartung bei der Geburt 55 Jahre beträgt und die Schüler meiner 10. Klasse bis zu 22 Jahre alt sind, könnte man das vielleicht auch als einen Grund für den landesweiten Lehrermangel auslegen.

Togos Bevölkerung wächst jedes Jahr um fast 3%, wobei der 2005 verstorbene Präsident Eyadema Gnassingbé diese Zahl stark nach oben gedrückt haben muss, denn man sagt, er hätte in jeder größeren Ortschaft Togos eine Ehefrau und insgesamt zwischen 120 und 180 Kindern gehabt. Da war der intime Familienbund wohl nicht mehr ganz so intensiv.

Ich werfe hier mit Zahlen aus meinem Reiseführer um mich, die sich sowieso keiner merken kann oder will, aber vielleicht hilft es ja dennoch nachvollziehen zu können, warum sich Togo laut UN-Entwicklunsstand-Statistik auf Platz 147 von 177 Ländern befindet.

Heute: le Changement

Togo befindet sich offiziell im Wandel, im „changement“. Viele Elemente des oben beschriebenen togolesischen Lebens verändern sich allmählich zu einem Leben, das hier als „modern“ beschrieben wird und unserer Gesellschaft in Europa ähneln soll.

So hat sich durch die Schulbildung und durch die Schulbildung der Mädchen die Rolle der Frau liberalisiert, auch wenn immer noch mehr Jungen als Mädchen die Schule besuchen und mein ältester Gastbruder darauf beharrt, dass das an mangelndem Wille seitens der Mädchen liegt. Auch schon mehrmals habe ich von Männern gehört: Gleichberechtigung? Na gut. Aber eine Frau in einer höheren Position als der Mann? Nein, danke. Das ginge nicht, da würden die ja den Respekt verlieren.

Die Beschneidung von Frauen ist gesetzlich verboten worden, ebenso wie das Schlagen der Schüler in der Schule, woran sich allerdings keiner hält. Daran habe ich mich mittlerweile auch schon gewöhnt. Mit Sicherheit liegt es auch an den enormen Klassengrößen und an mangelnder Motivation der Schüler, die so oder so recht wenige Zukunftsperspektiven haben. Dennoch wage ich zu behaupten, dass es nicht die Schüler, sondern die Lehrer sind, die noch nicht reif für gewaltfreies Unterrichten sind.

Durch den heutigen europäischen Einfluss verändert sich die togolesische Gesellschaft, aber die ursprünglichen ebenso wie die unterlegenen kolonialen Denkweisen, Weltanschauungen und Strukturen sind noch tief in den Köpfen der Menschen verankert.

Vielen Dank an Alle, die sich bis hier durch diesen langen und anstrengenden und vielleicht nicht so gut gelungenen Bildungsbericht durchgekämpft haben. Viele Dinge werden wohl nicht so verständlich sein und ich würde mich um Nachfragen sehr freuen.

Beste Grüße aus Togo


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