Hallöchen!
Frohes neues Jahr, ich hoffe man ist gut reingerutscht und hatte eine stressfreie und besinnliche Weihnachtszeit.
Nach meiner fast dreiwöchigen Auszeit in Ghana habe ich nun allerhand zu tun, nicht nur mit dem Einstieg ins zweite Trimester, auch mit meiner Studien- und Uniwahl, denn so manche Bewerbungsfristen sind bereits abgelaufen…dennoch nehme ich mir jetzt für meinen sechsten Bericht Zeit, denn es gibt mal wieder allerhand zu erzählen. Ich werde mich kurz fassen.
Vorweihnachtszeit: Schule
Ich bin mit all meinen Klassen durch die von mir gewählten Trimesterdisziplinen Sprint und Weitsprung durchgehetzt und habe sie mit Email-Hilfe und -Ratschlägen meines ehemaligen Sportlehrers in Deutschland mehr oder minder erfolgreich abgeschlossen.
Zeugniskonferenzen im deutschen Sinne gab es an meinem kleinen Collège keine oder ich wurde nicht zu ihnen eingeladen. Ich habe die gesamten Bulletins (Zeugnisse) meiner 200 Schüler einfach mit nach Hause genommen und dort so gewissenhaft wie möglich die Trimesternoten eingetragen. Völlig unaussagekräftig und wohl für kaum Jemanden oder die Zukunft besonders relevant, aber ziemlich viel Arbeit. Auf Anweisung meines Dirktors musste ich alle Schüler auf mindestens 10 Punkte („passable“, vielleicht einer „4“ in Deutschland entsprechend) bringen, und dennoch gerecht zu bewerten ging eigentlich gar nicht. Da stellt sich die Frage, ob man Sport überhaupt bewerten sollte, denn es gibt immer ein paar Kandidaten (-Innen), die abgrundtief aus dem Bewertungsschema herausfallen und auf legalem Weg nicht mehr zu retten sind. Als Schüler weiß man es wirklich gar nicht zu schätzen, wie viel Arbeit hinter jeder vorbereiteten Stunde steht und wie viel kostbare Zeit in das obligatorische Abtesten von Wissen oder Leistung und die Notengebung investiert wird.
Weihnachten
Da wir am 24.12 bereits nach Ghana aufbrechen wollten, haben wir eine vorgezogene Bescherung mit unsere Gastfamilie am 23.12 gemacht. Da haben wir Weihnachtsmann gespielt und sind voll und ganz in die „Geberrolle“ gefallen, worüber es auch etwas Zoff unter uns Freiwilligen gab. Wir hatten alle drei noch lauter (Gast-)Geschenke aus Deutschland, die wir nun mal loswerden wollten und wir haben der Familie definitiv eine –kurzzeitige- Riesenfreude gemacht. Unsere dicke Gastmutter ist bei jedem Geschenk auf’s Neue wie ein Kind im Kreis gehüpft und auch der sechsköpfige Rest der Familie war in Ekstase. Habe ich alles auf Video.
Es fällt mir schwer ausdrücken warum, aber irgendwie hat mir die Bescherung dennoch nicht gefallen. Vielleicht war es die kindlich-naive Euphorie meiner Gasteltern, die mich plötzlich in die Rolle der Eltern versetzt hat. Man hätte ihnen in dem Moment problemlos erzählen können, dass es den Weihnachtsmann in Europa wirklich gibt, und sie hätten es womöglich geglaubt. Vielleicht hat es mich auch unglücklich gemacht, dass sich die Menschen hier an einer simplen Weihnachtsbescherung, wie es sie jedes Jahr in so gut wie jeder deutschen Familie gibt, nur erfreuen können, wenn sie Weiße Gäste in der Familie aufnehmen. Vielleicht war es auch schlichtweg die Bestätigung des Klischees (oder der Realität?) der weißen, unverhältnismäßigen materiellen Überlegenheit und des Überflusses, mit der und mit dem man gerade zu Weihnachten nur so um sich schmeißt.
Ich hatte in meinem vierten Bericht von „Neid, Hass, Ehrfurcht, Angst, Freude, Respekt oder Verachtung“ im Kontext der Empfindungen eines Schwarzen gesprochen, der meine weiße Haut auf der Straße sieht. Mag sein, dass meine Ansichten nach unserem Ghanaurlaub, in dem wir zwangsläufig die fragwürdige oder zumindest unsensible Rolle eines Weißen Touristen in Afrika einnahmen, etwas geschädigt sind, aber mittlerweile sehe ich diese Begriffe als fast zu Abstrakt an. Das erste, was ein Schwarzer mit meiner Haut hier assoziiert, ist Geld.
Und das ist dem kulturellen Austausch überhaupt nicht förderlich. Denn letztendlich erscheint es uns, als wäre man hier an eben diesem Austausch oder an unserer Person gar nicht interessiert. Ob unsere Nachbarin, unsere eigene Gastmutter oder gar die Kollegen vor den Augen der Schüler, kaum einer hat meine Mitfreiwillige Lina ihren Heimflug letzten Samstag antreten lassen, ohne vorher nicht doch noch einmal nach Geld oder einer Mitflugmöglichkeit zu betteln. Das enttäuscht und es wird zunehmend schwieriger, damit weiterhin geduldig, tolerant, verständnisvoll, humorvoll und positiv umzugehen.
Und wenn ich den Gourmetinhalt meiner Weihnachtspakete mit meiner Gastfamilie teile oder in Accra für ein halbes Monatseinkommen Pizza mit meinen schwarzen Freunden essen gehe, ist das dann kultureller Austausch oder bloß eine Demonstration des Wohlstandes?
Ich bin froh meinen Aufenthalt hier nicht auch an dieser Stelle zu beenden, sondern noch ein halbes Jahr Zeit habe, mir darüber Gedanken zu machen. Denn man darf auch nicht vergessen, dass die finanziellen Disparitäten nicht bloß Klischee, sondern unbestreitbar wahr sind. Mein Gastvater ist Alleinverdiener und verdient als Grundschullehrer 35.000 FCFA, umgerechnet nicht mal 55€ im Monat, mit denen er auch seine Frau und seine fünf Kinder durchbringen muss, Schulbildung inklusive.
Offiziell leiden 79% der ländlichen Bevölkerung, 50% der Stadtbevölkerung Lomés [Reiseführer „Le Petit Futé“] unter absoluter Armut, heißt, sie verdienen umgerechnet weniger als 1$ pro Tag. Eine realistische Einschätzung, in so weit ich das beurteilen kann. Wie sollte man ihnen da die Bettelei noch übelnehmen…
Die Reise
Ich habe eine tolle Reise hinter mir, auf der ich viele neue Eindrücke gewonnen und Erfahrungen gemacht habe. Die gesamte Reise haben wir uns nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortbewegt, meist umgebaute Kleinbusse die in Ghana „Trotro“ genant werden und klein, eng, unbequem aber billig und mäßigschnell sind. Mit auf der Reise waren nicht nur wir drei Yovos, sondern auch unser Freund Momo, der sein Herz eindeutig am rechten Fleck aber sich leider als auf einem dermaßen anderen Intellekt (Analphabet!) entpuppt hat, dass es manchmal auch etwas schwierig war. Immerhin wurden wir kein einziges Mal bedroht oder beklaut, das haben wir vielleicht auch seiner Präsenz zu verdanken. Ich hoffe das klingt nicht zu arrogant.
Von Kpalimé aus haben wir eine Rundreise durch ganz Ghana gemacht, zunächst die Küste entlang und schließlich durchs Zentrum in den Norden, wo wir die Grenze nach Togo passiert haben und zurück nach Kpalimé gereist sind. Es ist sicherlich anschaulich, sich die Route mal auf einer (Online-)Landkarte anzukucken.
Erster Stopp ist Akosombo, wo ein Staudamm das Wasser des weltweit größten künstlichen Sees „Lake Volta“ hält. Aus den Turbinen dieses in den 60er Jahren aufgezogenen und von Europa und Amerika finanzierten Entwicklungsprojekts zieht Ghana heute 70% seiner Energie, 10% der gewonnen Energie wird u.a. nach Togo exportiert. Zudem hat der See die Etablierung einer Fischfangindustrie ermöglicht und gilt als Touristenattraktion.
Damals mussten über 84.000 Menschen zwangsumgesiedelt werden, „for the greater good“ erklärt und unsere Führung stolz. Dennoch wäre Ghana ohne diesen Staudamm mit Sicherheit nicht so sehr Vorzeigeland Westafrikas wie es heute ist.
Ein Togoer müsste eigentlich nicht nach Europa reisen, um eine andere Welt zu erleben. Ghanas Hauptstadt Accra reicht. Autobahnen, mehrspurige, schlaglochfreie Straßen, Ampeln, Bürgersteige, Hochhäuser - nach fünf Monaten Togo werde ich etwas desillusioniert. Bereits die hohen Beton- und Stahlstrommasten hatten den afrikanischen Busch entlang der Straße nach Accra irgendwie verfremdet.
Wir schlafen jedenfalls drei Nächte in einer kleinen Rasta-Enklave in einer Holzhütte direkt am zugemüllten und zugeschissenen Strand bei einem Freund unseres Freundes auf dem Boden, was nicht nur umsonst und ziemlich cool ist, sondern zeigt, dass auch in Accra nur gewisse Gesellschaftsschichten von dem hohen Entwicklungsstand profitieren.
Ansonsten sind die eindrucksvollsten Erlebnisse wohl das von Armut geprägte Fischerdorf, in dem uns unsere Connection herumführt und welches mich sehr an die Beschreibung eines eben solchen aus einem Spiegelartikel erinnert, und, im totalen Kontrast dazu, die umwerfende Universität Accras, die wiederum zeigt, dass es auch anders geht und mich an meiner Rolle in Togo hat zweifeln lassen. Sie wissen doch wie es geht, sie haben doch den Zugang zu dem nötigen geistigen Potential…
Nach einer Nacht auf einer Reggaeparty mit unseren neuen Rastafreunden in Krokobite, einem sauberen (!) und herrlichen Touristenstrand, fahren wir weiter nach Cape Coast, ehemalige britische Kolonialhauptstadt und einst das größte Sklavenhandelszentrum ganz Westafrikas. Sehr interessant und bedrückend das Cape Coast Castle, von dem aus einst Millionen von Sklaven in die neue Welt verschifft wurden.
Das Touri-Programm kommt nicht ohne einen Abstecher in den nahen Kakum National Park aus, wo wir auf Hängebrücken durch die Baumwipfel über einem kleinen Stückchen geschützten Urwaldes klettern und ein paar kleine Affen sehen.
Auf dem Weg in den muslimischen Norden finde ich einen neuen Freund. Der neun-jährige Samuel will einmal Fußballprofi werden und wächst mir mit „I’ll take you as my friend“ nicht nur ans Herz, sondern gibt mir mit „I will learn hard and I will be like you“ auch wieder etwas zu denken…
In Kumasi gehen wir auf dem größten Markt West Afrikas, in dessen Gedränge so mancher Europäer aus Stress und Platzängsten mit Sicherheit durchdrehen würde. Etwas weiter nördlich machen wir halt in einem kleinen Affenreservat.
Die Landschaft wird langsam gelber und geht in Savanne über, so wie man (ich zumindest) sich Afrika eher vorstellt. Wir befinden uns übrigens in der Trockenzeit, seit rund zwei Monaten hat es selbst in der grünen Region um Kpalimé in Togo nicht mehr geregnet und der Wasserstand des Brunnens unserer Nachbarin sinkt kontinuierlich.
Noch weiter nördlich, in Richtung des Mole National Parks, werden wir auf Grund einer Panne unseres Tro-Tros, bei der ich die Hilfsbereitschaft, die Geduld, die entspannte Gelassenheit und den Gemeinschaftsgeist der Afrikaner hervorheben muss, zu einer Zwangsübernachtung in Tamale gezwungen. Die Stadt ist teuer und gefällt uns nicht, was allerdings auch mit der Panne zu tun haben mag.
Im Mole National Park selbst machen wir eine interessante Walking-Tour, auf der wir ein paar Wildtiere wie Antilopen, Paviane, Warzenschweine und schließlich aus weiter Ferne einen Elefanten, vor allem aber den Lebensraum dieser Tiere zu sehen bekommen.
Wer an Löwen, Giraffen, Zebras etc. interessiert ist, wäre in Kenia, Südafrika oder Hagenbek’s Tierpark besser aufgehoben.
Etwas außerhalb des Parks, im Ort Larabanga, führen wir ein sehr interessantes Gespräch mit dem Besitzer eines Guesthouses, nämlich über die (bisher in diesem Bericht viel zu kurz gekommenen) hochaktuellen Wahlen in Ghana.
Exkurs: Die Wahlen
Ich weiß nicht, in wie weit man in Europa oder dem Rest der Welt davon etwas mitbekommt, aber ganz Ghana ist unglaublich politisiert. Bereits in Cape Coast und Kumasi hatte nach jeden neuen Wahlergebnissen auf den Straßen eine Herde Grizzlybären gesteppt. Häufig auf beiden Seiten zu gleich, sowohl die Anhänger der seit acht Jahren regierenden New Patriotic Party mit dem Slogan „Moving Forward“ und entsprechender Geste mit den Händen, die einem Männchenmachenden Karnickel beim scratchen ähnelt, als auch die Anhänger des National Democratic Congress, mit dem Slogan „Change“ (Ja, die können’s auch) und entsprechender Geste mit den Händen, die der eines Fußballspielers der um Auswechslung fleht gleicht.
Unser Guesthousebesitzer hätte für eine Schwesterpartei der NPP gewählt. Er ist mächtig stolz auf sein Land, das die landesweite Party bei der Verkündung eines so unglaublich knappen Wahlergebnisses (Stichwahl: 50.3% zu 49.7% (?)) nicht eskaliert ist, vor allem nach dem, was man 2006 im „Vorzeigeland“ Ostafrikas Kenia erlebt hat. „We are one people“, so wolle sich Ghana auch in Zukunft nach außen hin präsentieren und so hat Ghana –wenn es denn so ist- einem Land wie Togo auch in dieser Hinsicht tatsächlich einiges voraus.
Ob bei der Auszählung der Stimmen alles mit rechten Dingen zugegangen ist wisse er nicht, aber wenn der NDC nicht gewonnen hätte, wäre die Situation womöglich nicht so friedlich ausgegangen, denn sowohl die Opposition als auch die internationale Staatengemeinschaft hätten der Regierung Wahlbetrug vorgeworfen. Der NDC musste also gewinnen.
Den proklamierten „Change“ stellt er als reinen Populismus dar, und lobt einige politische Errungenschaften der NPP in den letzten acht Jahren, beispielsweise in Sachen Infrastruktur und Krankenversicherung. Kaum ein Ghanaer verstehe wirklich etwas von Politik oder habe die Bildung und Urteilsvermögen über oder den Einblick in die Programme der Parteien. Fakt sei bloß, dass es weiterhin großen Teilen vor allem der nördlichen Bevölkerung „schlecht“ geht, und dass bei eben dieser Wählergruppe der Slogan „Change“ verständlicherweise besser ankommt. Und, das haben wir selbst festgestellt, tatsächlich wird bis in die letzten von jeglicher Zivilisation abgeschnittenen Savannendörfchen Wahlkampf betrieben und um Stimmen gekämpft.
Mit Hinblick auf die enormen Entwicklungsunterschiede zwischen den Nachbarländern Ghana und Togo fragt man sich natürlich, ob diese wirklich noch auf die vor fünfzig Jahren offiziell beendete Politik der Kolonialmächte, oder auch auf den seit dem eingeschlagenen Kurs der unabhängigen Regierungen dieser Länder zurückzuführen ist. Setzt man auf Letzteres, muss die Politik Ghanas tatsächlich zumindest um einiges „besser“ als in Togo verlaufen sein, aber dafür weiß ich natürlich zu wenig über die Materie.
Zurück zur Reise: Vom National Park fahren wir über Tamale noch weiter in den Norden an die Grenze zu Burkina Faso nach Paga, wo wir für teures Geld ein unheiliges Huhn an einen Haufen heiliger Krokodile in einem heiligen Teich verfüttern lassen und das heilige Krokodil mal anfassen dürfen. Von Paga geht es süd-ostwärts Richtung Togo, wo wir uns binnen drei Tagen durch die guten, alten Schlaglöcher bis nach Kpalimé durchschlagen.
Einziger Halt ist das Dorf mit den gleichnamigen Völkchen der Tamberma, eines der sehr wenigen togoischen touristischen Attraktionen, in dem für teueres Geld eine seit 500-600 Jahren unverändert lebende Dorfgemeinde weißen Touristen unedel zur Schau gestellt wird.
So. Die Hälfte meines Aufenthaltes ist um, und an sich wäre es angemessen, ein Zwischenfazit zu ziehen. Da der Bericht damit aber zu lang würde, verschiebe ich das auf den nächsten, siebten Bericht. Ich könnte noch so viel erzählen; über die Schlachtung von Ziegen, über die emotionalen Fußballspiele meiner Schüler zwischen Klassen und Schulen, die hier scheinbar zum Hochpunkt im Leben zählen, über Trommelnächte und Fufu-Partys, über meine Zahlreichen Amöben, Würmer, Hautmaulwürfe und Malaria…
Im Moment geht es mir jedenfalls gut, ich bin nüchtern in Kumasi in einer Kirche (anders scheint man Silvester dort nicht zu feiern) reingerutscht und bin recht fit.
Beste Grüße aus Togo

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