Dienstag, 10. Februar 2009

7. Bericht aus Togo, Februar

Nichts war, nichts wird sein; alles ist, alles hat Wesen und Gegenwart’. Siddharta sprach mit entzücken, tief hatte diese Erleuchtung ihn beglückt. Oh, war denn nicht alles Leiden Zeit, war nicht alles Sichquälen und Sichfürchten Zeit, war nicht alles Schwere, alles Feindliche in der Welt weg und überwunden, sobald man die Zeit überwunden hatte, sobald man die Zeit wegdenken konnte? (Hermann Hesse: Siddharta)

Ja, ist das so?

Wenn die Fußballer meiner Collège-Mannschaft völlig routinemäßig 1-2 Stunden zu spät zum Training kommen, und auf eine „pourquoi?“-Nachfrage konsequent mit „Non, Monsieur“ antworten, dann haben sie sich vielleicht erfolgreich die Zeit weggedacht.

Letzten Samstagmorgen stand ich – wie am Freitagabend vom Coach vorgeschlagen und mit mir (quasi Coachassistent) dem Team verabredet – um 5:30 in aller Dunkelheit auf dem Sportplatz. Alleine. Als so um sechs die Spieler nach und nach und schließlich auch der Coach kamen, meinte dieser, als er um 5:30 rauskuckte, sei es noch dunkel gewesen, da hat er sich glatt noch mal schlafen gelegt. Good point, hätte ich auch so machen sollen.

Im Moment ist Fußballhochsaison in der Schulmeisterschaft, und ich bin jede Woche drei Nachmittage fast vier Stunden beim Training meiner Mannschaft und muss deren Spiel analysieren. Was ich eigentlich genau so wenig kann wie Kugelstoßen, meine momentane Disziplin in meinen Sportklassen, aber das ist egal.

In diesem siebten Bericht ziehe ich nun ein Zwischenfazit über mein FSJ in Togo.

Land und Leute

„Togo is very easy-going and peaceful“, haben mir ein paar nigerianische Austauschstudentinnen am Strand in Lomé gesagt. Das trifft es für mich eigentlich schon auf den Punkt. Die Lebensfreude, mit der mir die Togoer begegnen, ihr Humor und ihre Gelassenheit lassen sich in Deutschland nicht finden. Vielleicht liegt das daran, dass wir uns nie die Zeit wegdenken. Irgendwo ist mein FSJ auch eine Auszeit aus dem vergleichsweise stressigen Alltagsleben von Zuhause, in der ich die Zeit und die Ruhe finde, zu mir zu kommen.

Die schweren Probleme dieses Landes fallen deshalb oberflächlich gar nicht so auf. In Togo habe ich noch keine extremen Reichen- und Armenviertel gefunden, keine moderne „Elite“ neben einer verslumten Unterschicht. Dies scheinen mir Probleme zu sein, mit denen andere afrikanische Staaten wie Südafrika oder Nigeria oder lateinamerikanische Entwicklungsländer, die offiziell als „entwickelter“ als Togo gelten, zu kämpfen haben. In diesem Zusammenhang frage ich mich auch, ob Togo in der Entwicklung wirklich hinter diesen Ländern liegt, oder ihnen (noch?) etwas voraushat.

In meinem Motivationsschreiben von 2007 für ein FSJ in einem Entwicklungsland hatte ich geschrieben: „Ich möchte mich explizit mit der Armut auf dieser Welt konfrontieren, um einen differenzierteren und begründeten Blickwickel auf diese Welt, auf unsere reiche, westliche, sowie auf die ärmere Welt zu bekommen.“ An diese „Konfrontation“ werde ich in Togo sehr sensibel herangeführt. Die erwartete psychische Belastung durch gewaltige Wohlstandsunterschiede oder grauenhaftes Elend sind bislang noch ausgeblieben.

Es klang auch für mich immer schrecklich „arm“, wenn ein ganzes Dorf ohne fließend Wasser lebt. Nun lebe ich selbst so, und selbst als verwöhnter Europäer ist das überhaupt kein Problem. Man gewöhnt sich schnell und problemlos an Plumsklo und Eimerdusche mit Wasser aus dem nächsten Brunnen aus der Nachbarschaft; das ist nicht schlimmer als in Deutschland mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren. Das geht nicht nur mir so, sondern allen weißen Freiwilligen, die hier so leben und denen ich über den Weg gelaufen bin.

Heute frage ich mich viel mehr: Was ist Armut, und gegen welche Armut muss etwas unternommen werden? In einem Zeitungsartikel habe ich gelesen: „Bis zum Jahr 2015 soll die weltweite Armut halbiert sein - so haben es die Regierungschefs dieser Welt versprochen.“ Wer sich solche großen Ziele setzt, sollte sich vorher gut überlegen, was er damit meint…

Ich sehe Togo als ein Land mit großem Entwicklungspotential, dessen Realisierung jedoch ein sehr langwieriger, sensibler und komplexer (und teurer!) Prozess ist und eben deshalb auch so schwierig zu fördern ist. Auch hier gibt es Leute, die morgens zwar nichts zu essen finden aber ein chinesisches Handy mit TV, Internet und sonstigem hochmodernen Schnickschnack besitzen. Kinder (und Erwachsene!) kucken lieber schlechte französische Soaps auf alten Fernsehern mit miserabler Qualität (insofern sie einen haben), als mal ein Buch zur Hand zu nehmen (wenn sie denn eines hätten). im Internetcafé sieht man Jugendliche, die ihr Taschengeld für eine Stunde im Internet gespart haben und dort auf höchst ominösen Websites navigieren; in Lomé werden einem an jeder Straßenecke europäische Pornos angeboten.

Aber allgemein ist Togo noch ein eher unverdorbenes und „ursprüngliches“ Land. Der Umgang mit internationalen Einflüssen, die Transformation von der Ursprünglichkeit in die Moderne oder eine wünschenswerte Koexistenz von beidem, ist meiner Meinung nach die Herausforderung schlechthin an ein Land wie Togo. Und ihm bleibt auch leider keine andere Wahl, denn mit der Globalisierung nehmen die internationalen Einflüsse weiterhin zu. Und es muss schnell gehen. Wie will Afrika sonst jemals einen Einstieg in die sich rasch verändernde Moderne finden…? Aus die Maus, Siddharta…

Arbeit / Projekte

Müllprojekt

Das von ehemaligen Freiwilligen initiierte Müllprojekt, für dessen Umsetzung die Freiwilligen meiner Generation UND meine Association Campagne des Hommes, für die ich offiziell arbeite, verantwortlich seien sollte, war für die hiesigen Verhältnisse erfolgreich. Es liegen wohl immer noch einige Mülleimer im Hauptsitz CDHs für ihre Platzierung bereit, aber keiner meint sich darum kümmern zu müssen und aus unserem Dorf Agou lässt sich da auch nicht viel bewegen. Dennoch scheinen die ca. dreißig installierten Mülleimer in Kpalimé viel genutzt und mittlerweile auch regelmäßig von der Stadtverwaltung mit einem kleinen Trecker geleert zu werden. Außerdem habe ich mit Freude und Erstaunen festgestellt, dass nun die Verwaltung Kpalimés selbst angefangen hat, qualitativ viel hochwertigere Mülleimer in ganz Kpalimé aufzubauen. Vielleicht hat ja unser Mülleimerprojekt zu dieser Initiative mit beigetragen. Wäre dies der Fall, ließe sich definitiv von einem vollen Erfolg des Projektes sprechen.

Jardin d’enfants

Ich arbeite neben der Schule immer noch im Kindergarten unseres Dorfes, der eher einer Vorschule in Deutschland gleicht. Die Kinder lernen dort Punkte, Striche und Kreise zu malen, viele haben wohl das erste Mal in ihrem Leben einen Stift in der Hand. Außerdem lernen sie ihre ersten französischen Worte, denn zu Hause wird meist nur Ewe gesprochen.

Das Projekt besteht erst seit zwei Jahren und wurde mit von CDH aufgebaut und finanziert. Die Kindergärtnerin macht ihre Arbeit sehr gut und kriegt weniger als einen Hungerslohn im Monat; nichts im vergleicht zu dem Gehalt unseres Gastvaters von ~55€ im Monat.

Wir Freiwilligen wechseln uns mit der Arbeit dort ab, aber leider ist keiner von uns allzu engagiert dabei, da wir vormittags grundsätzlich durch unsere Arbeit am Collège und nachmittags momentan durch das Fußballtraining ausgelastet sind. Ansonsten wäre der Jardin eine gute Möglichkeit Ewe zu lernen, dann könnte man die Kindergärtnerin auch sinnvoller unterstützen.

Wenn ich manchmal für kurze Zeit allein mit den Kindern bin, bricht Krieg aus. Mit meinen stark begrenzten Ewekenntnissen kann ich nichts anderes machen als hilflos zukucken oder mitkloppen, denn wenn ich einmal versuche einzugreifen, denken die Kinder freudig, ich würde nun beim Krieg mitspielen. Allgemein behandeln die Kinder mich dort ohnehin als ein kleines Weißes Maskottchen. Ab und zu wird mal nachgeprüft ob ich noch da bin, man streichelt oder haut mich eine Runde, dann widmet man sich wieder seinen eigenen Angelegenheiten.

Sehr deutlich wird im Jardin d’enfant, dass es „Erziehung“, wie wir sie in Deutschland gewohnt sind, in der togoischen Familie nicht gibt. Selbst in unserer lieben und eher fortschrittlichen Gastfamilie, hört man nie „das ist hast du gut / schlecht gemacht, weil…, das sollst du (nicht) machen, weil…“; dafür wird den Kleinsten ständig an den Kopf geschmettert „Je vais te tapper“ [= ich werde dich schlagen), was aber fast nie umgesetzt wird.

Collège

Meine Arbeit als Sportlehrer ist nach wie vor meine Hauptbeschäftigung. Ich unterrichte eigenständig und alleine, einzige Vorgabe sind die sechs Disziplinen Sprint, Ausdauer, Seilklettern, Kugelstoßen, Weit- und Hochsprung. Es ist übrigens eine einmalige Möglichkeit für alle angehenden Lehramtsstudenten, sich in diesem Beruf zu testen. Die Arbeit macht sehr viel Spaß und ist herausfordernd. Wie wohl in jedem Lehrerberuf liebt man seine Schüler manchmal, wenn sie aus gar keinem sichtbaren Grund sich plötzlich alle 60 drei Runden in Reih und Glied einlaufen, und hasst sie manchmal, wenn man unter Zeitdruck ist und schon wieder drei Viertel des Kurses wegen Undiszipliniertheit für Umziehen und Appell draufgehen und drei pubertierende Idioten sich immer noch irgendwo am Horizont mit anderen Dingen als seinem Unterricht vergnügen.

Mein Unterricht ist manchmal auch mit einer guten Portion Schauspiel verbunden, in dem ich meine Unwissenheit durch Entschiedenheit oder eine gute Mischung aus Ernst und Humor versuche zu überspielen. In manchen Situationen kann ich mich auch ehrlich besser mit meinen Schülern identifizieren und würde mich lieber vor Lachen mit ihnen unter den Tisch schmeißen, als mit ernster Miene irgendeinem Blödsinn autoritärerer Lehrkräfte zu lauschen.

Fast in jeder meiner Sportstunden, in denen ich meine Schüler während der Einheit „Resistance“ ihren Ausdauerlauf machen lasse, kippt ein Schüler um oder hat Magenkrämpfe, daran habe ich mich mittlerweile schon gewöhnt. Weil sie am Morgen nichts zu essen gefunden hätten, sagt mein Kollege, ein Englischlehrer, mit dem ich mich sehr gut verstehe. Neulich hatte eine meiner kleinsten Schülerinnen so etwas wie einen epileptischen Anfall, dem war ich wirklich nicht mehr gewachsen. Nach reichlich Geschrei, Krampf und Sabber ist sie dann auf dem Weg zum Krankenhaus wieder aufgewacht und konnte sich an nichts mehr erinnern. Was es genau war weiß keiner und eine Analyse wäre zu teuer. Die macht auf jeden Fall keinen Sport mehr bei mir.

Ich habe das Gefühl, für meine Schüler nicht mehr bloß weiß, sondern ihr Sportlehrer zu sein und als solcher auch ernst genommen zu werden. Auf den Lehmwegen meines Dorfes werde ich fast nur noch mit „Bonsoir, Monsieur“ und nicht mehr mit „Yovo, Yovo“ begrüßt.

Meine Schüler würden immer noch denken, ich wäre 35-jähriger studierter Sportlehrer aus Europa, sagt mein Kollege. Das ist wohl der Hauptgrund dafür, dass selbst Schüler, die eigentlich älter sind als ich, mich überhaupt respektieren und Unterricht möglich ist.

Es ist schon eigenartig, dass ich zwanzigjähriger Abiturient hier den Titel „Professeur“ du Sport tragen darf, für den man selbst in Togo eigentlich studiert haben muss und den nicht einmal mein Gastvater als Grundschullehrer innehat.

Probleme

Dass ich nicht mit Geschenken auf der Straße um mich schmeiße, obwohl das übrigens viele Einheimische (vor allem Kinder) penetrant von einem verlangen, ist klar. Aber die gefährliche „Geberrolle“ des Weißen, vor der man immer so eindringlich gewarnt wurde, ist tatsächlich eine schwierige Angelegenheit. Denn wer einmal gibt, gibt immer. Und wer einem gibt, muss allen geben. Und das geht nicht.

Meine gesamte Fußballmannschaft hat nach einem „Übernachtungscamp“ vorm Spieltag nicht gemeinsam frühstücken können (Maisbrei), weil sie das Geld nicht zusammenbekamen. Alles zusammen wären das umgerechnet keine 5 Euro gewesen. Hätte ich ihnen das bezahlt, wäre ich wohl auch in Zukunft klarer Geldgeber in solchen Situationen und Schüler und Lehrer würden mich als solchen hochleben. Gleichzeitig würde es wieder viele Stereotypen des ungerecht reichen Weißen rechtfertigen und Neid und Missmut über die eigene Situation wecken.

Ursprünglich hatte ich den Wunsch, möglichst viel Kontakt zu Schwarzen, möglichst keinen Kontakt zu Weißen zu haben und mich so weit wie möglich in eine Dorfgemeinde oder ähnliches zu integrieren.

In Kpalimé leben zeitweise rund dreißig weiße Freiwillige, die sich zum Teil auf den Füßen stehen. Hier auf dem Dorf ist das zum Glück nicht so, aber auch in meiner Gastfamilie sind wir stets zu dritt. Ich hatte damit hier nie ein Problem. Schwarze lernt man so oder so viele kennen, und es ist gut seine Erfahrungen mit anderen Freiwilligen hier teilen und sich gegenseitig austauschen zu können. Nichtsdestotrotz, ist es der Integration nicht förderlich, und ich fühle mich oft mehr Teil eines kleinen weißen Klüngels als eines kleinen schwarzen Klüngels. Ist vielleicht auch natürlich.

Am Ende unserer Reise im Januar haben wir im Norden Togos einen Abstecher in die Universität von Kara (zweite Universität von Togo, neben Lomé) gemacht. Da wurde uns vor Augen geführt, dass es schon einen gewaltigen Unterschied macht, ob mein Gesprächspartner zwanzig ist und an der Uni studiert, oder ob mein Gesprächspartner ein 25jähriger Rasta ist der jeden Weißen gleich zu Beginn des Aufenthaltes stürmisch und euphorisch mit „Mon ami“ etc. auf den Straßen von Kpalimé beschlagnahmt.

Letzteres hat man in Kpalimé zu Häufe, ersteres hat man in Kpalimé gar nicht, da es nun mal keine Universität gibt. Ein gesunder Mix aus beidem wäre angenehmer, dann könnte man sich auch mal mit Schwarzen in meinem Alter etwas tiefgründiger über kulturelle Unterschiede oder Politik auseinandersetzen.

Fazit

Das mir vor meinem FSJ entgegengehaltene Vorurteil „In Afrika schlagen sie sich doch alle die Köpfe ein“ hat sich bisher nur im Jarin d’enfants bestätigt. Man übersieht leicht, was für ein großer Kontinent Afrika ist und kann die wenigen medialen Informationen über Krisenherde wie Somalia oder Kongo, die häufig unsere einzigen Assoziationen mit diesem Kontinent ausmachen, nicht als „Afrika“ abstempeln.

Auch im Vergleich zu anderen FSJlern, deren Rundberichte ich regelmäßig bekomme und lese und die ebenso wertvolle Erfahrungen machen wie ich, bin ich froh, mich für den afrikanischen Kontinent entschieden zu haben, für das kleine Land Togo, und schließlich nahe einer Kleinstadt in einem Dorf zu wohnen und nicht in einer Großstadt.

In erster und zweiter Gastfamilien wurde ich mit großer Freude und Herzlichkeit aufgenommen und ich lebe das afrikanische Familienleben aktiv mit. Meine beiden Gastväter sind mir gute Freunde geworden und mit ihnen lässt sich immer und interessant über Politik, Probleme oder das Wetter reden und diskutieren.

Die Erfahrungen, die ich hier sammle, sind einzigartig und durch nichts ersetzbar. Bis Juli 2008 hatte ich keine Ahnung, was mich in Afrika erwarten würde. Nun bin ich mir sicher: Wenn ich irgendwelche Erwartungen hatte, dann wurden sie hier sogar übertroffen.