Dienstag, 21. April 2009

8. Bericht aus Togo, April

Zum Ende des zweiten Trimesters sind wir in den kurzen Trimesterferien noch einmal gereist, diesmal unser neuer Mitfreiwilliger Jannis, Robert und ich. Über Benin, denn dort gibt es befahrbare Straßen, ging es nach Niger, vom Niger nach Burkina Faso (schon mal gehört?) und von dort wieder zurück nach Togo.
Für mich ging es zunächst allein noch einmal nach Accra (Ghana), wo ich einen TOEFL-Test (Englisch-Sprach-Test) gemacht habe, denn der ist von einigen Universitäten gefordert. Nach einem Drei-Viertel-Jahr Togoaufenthalt war ich es allerdings wirklich nicht mehr gewohnt, mich über vier Stunden am Stück zu konzentrieren und durch so einen Leistungstest zu stressen. Schrecklich.

Niger
Nach dem Test habe ich mich mit Jannis und Robert in Lomé (Hauptstadt Togos) getroffen und wir sind in 26-stündiger Busfahrt bis nach Niamey, der Hauptstadt des Nigers durchgefahren. Im Niger wurde 2003 die Sklaverei verboten und es ist nach UN-Statistiken (HDI, HPI, GDI) das ärmste Land der Welt (LonelyPlanet 2006).
Da wir für die gesamte Reise nur sehr wenig Zeit hatten, haben wir nur die Hauptstadt Niamey besucht. Niamey ist völlig untouristisch und so heiß und trocken, dass man kein Schweiß mehr auf der Haut hat, der verdampft sofort. Seit acht Monaten hat es nicht mehr geregnet und in der Sonne muss es so um die 50°C gewesen sein. Weder die Busfahrt noch das Klima in Niamey war so richtig angenehm, aber es war dennoch ein interessantes Reiseziel.
Die große Armut hat sich für uns nur in der großen Zahl bettelnder Kinder bemerkbar gemacht. Vielmehr waren wir von der Sauberkeit und der relativen Idylle dieser Hauptstadt überrascht: Kaum Müll, kein allzu lärmender Verkehr, die Straßen schienen gut organisiert zu sein, der große Markt war weder stinkig noch verdreckt. Kamele gehören zu den traditionellen Transportmitteln. Auffällig für uns war die Ethnie der Tuareg, die sich nicht nur kulturell sondern mit ihrer helleren Haut auch farblich von der schwarzen Bevölkerung unterscheidet. Diese aus der Sahara stammenden Nomadischen Viehzüchter stellen eine Minderheit in der Bevölkerung dar, kämpfen seit langem um ihre Rechte und scheinen vom Rest der Bevölkerung diskriminiert zu werden.

Eine Attraktion waren die letzten in Freiheit lebenden Giraffen Westafrikas, außerhalb der Stadt in der Savanne. Die Herde ist in den letzten Jahrzehnten von rund 3000 Tieren auf 150 Exemplare geschrumpft. Diese sehr eleganten Tiere in aller Ruhe und Freiheit an den Akazienbäumen der Steppe nagen zu sehen war sehr beeindruckend. Gleichzeitig hat es daran erinnert, wie wenig von dem ursprünglichen Reichtum an Wildtieren in Afrika noch übrig ist; in Togo gibt es solche längst nicht mehr. Man fragt sich auch ob es wichtiger ist, die fruchtbaren Böden den Menschen vorzubehalten und deren Überleben zu sichern (Im Niger gab es 2005 eine große Hungersnot), oder ob es wichtiger ist, diese Lebensräume den letzten Wildtieren zu lassen und die Artenvielfalt und das Ökosystem zu schützen.
Meinen ersten und wahrscheinlich letzten Löwen in Afrika habe ich in dem kleinen an das Nationalmuseum angebundenen Zoo entdeckt, wo eine ziemlich große Artenvielfalt (Flusspferd, Hyäne, Strauß,…) in ziemlich grauenvollen Verhältnissen in kleine Käfige eingesperrt waren.
Fast die gesamte Bevölkerung des Nigers ist muslimisch und wir wohnten bei einem Freund (ein ehemaliger Freiwilliger aus Kpalimé) zusammen mit sechs anderen Schwarz-Muslimen. Eine abermals andere Erfahrung als in der hauptsächlich christlichen Region um Kpalimé in Togo. Ich habe mich immer gefragt, wie ein Slogan wie „Islam ist Frieden“ und zwei Flugzeuge in zwei Türmen unter einen Hut passen können, und ich habe mich mit einem unserer Gastgeber ausführlich über den Dzihad, den „heiligen Krieg“ wie er oft übersetzt wird, unterhalten. Unglaublich interessant und zu umfangreich um es hier wieder zugeben, aber ich bin mir sicher, dass wir viel zu wenig über den Islam wissen, als dass wir ständig von und über Islamisten und Terroristen reden sollten. Und dass, obwohl Muslime auch in Deutschland bei weitem keine Seltenheit sind.

Burkina Faso
Nach abermals langer Bustour erreichten wir unser zweites Reiseziel, die Hauptstadt Burkina Fasos mit dem offiziell coolsten Hauptstadtnamen der Welt „Ouagadougou“.
Statistisch geht es den Burkinabé besser als den Nigrer, Burkina war laut UN 2005 nur dritt-ärmstes Land der Welt (LonelyPlanet 2006). Im Kontrast dazu steht das ehrgeizige Projekt an Stadtplanung, dass in den letzten Jahren in Ouagadougou realisiert wurde und in das scheinbar stark investiert wird. Hier habe ich meine ersten Linienbusse und Bushaltestellen in Afrika gesehen, Taxis mit funktionierenden Tachos, Kreisverkehre, Fahrradwege und Straßenbeleuchtung. Sogar öffentliche Thermometer gab es, die 48°C anzeigten. Ein imposantes Betongebilde im Zentrum soll der neue Markt werden, bei Nacht lassen sich manche Viertel nicht von einer europäischen Großstadt unterscheiden. All dies hat bei uns den Eindruck vermittelt, dass es in Ouaga läuft. Was macht Togo bloß falsch?

Seit 1969 zum ersten Mal das Pan-Afrikanische Filmfestival Fespaco stattfand, hat sich nicht nur dieses Filmfestival sondern auch die Filmindustrie zu einem Bestandteil der Kultur Burkinas entwickelt. So haben auch wir hier unser erstes afrikanisches Kino unter freiem Himmel besucht und einen burkinabéschen Film gekuckt. Interessant.
Außerdem aufgefallen sind uns die zahlreichen schlanken und sehr hübschen Frauen Ouagadougous, die sowohl im Kontrast zu Accra, wo man fast nur übergewichtige Frauen sieht, als auch zu Niamey, wo man gar keine Frauen sieht weil die von ihren Männern im Haus gehalten werden, standen.

Gewohnt haben wir bei zwei Franzosen, die ebenfalls ehemalige Freiwillige aus Kpalimé waren. Eine massive Kathedrale, eine Moschee, ein ausgetrockneter Park und ein Tümpel worin man kleine Krokodile suchen kann gehörten zu unseren Hauptbesichtigungen. Um Ouagadougou wirklich kennenzulernen oder die Umgebung erkunden zu können, hätten wir mehr Zeit gebraucht.
Auf unserer Reise hat sich die Landschaft von dem tropisch-saftigen grün Kpalimés in trockenste Dornstrauchsavanne verwandelt und aus dem Bus heraus haben wir ein paar schöne, weite Landschaften gesehen. Dennoch trifft der Begriff „öde“ manche Landschaftsstriche wohl am besten und bei den zusätzlich enormen Temperaturen kann ich beim besten Willen nicht von angenehmen Lebensumständen sprechen.

Was sonst noch so passiert:
Mein Collège hat die Collègemeisterschaft von Agou (alle Dörfer, die am Mount Agou liegen) gewonnen, ist dann aber im großen Finale gegen den Lycée-Meister gescheitert.

Es ist schon etwa her, da haben wir zwei schwedische Brüder bei uns beherbergt, die wir zufällig in Lomé aufgegabelt hatten. John und Philip sehen aus wie Yetis, die mit Zelt und Iso-Matte durch Westafrika trampen. Mit ihren Bärten, den abgewetzten Klamotten und ein paar Stories auf Lager scheint das auch zu klappen, sie würden versuchen mit umgerechnet drei Euro pro tag aus zu kommen. Ursprünglich war ihr Plan die Sahara von West nach Ost zu durchqueren, doch als sie merkten, dass dies eine ziemlich lange Strecke ist, haben sie im Niger einen Bogen Richtung Süden gemacht und wollten entlang der Küste bis in den Senegal und von dort aus zurück nach Schweden fliegen. Von Togo aus hat es Philip leider nur noch bis nach Accra geschafft. Er hatte 15kg verloren und war mittlerweile so krank und erschöpft, dass er von dort zurück geflogen ist. John müsste bald im Senegal ankommen.

Mir geht es weiterhin sehr gut und heute sogar noch besser, denn ich darf gleich zwei Freunde am Flughafen von Lomé begrüßen, die ich seit neun Monaten nicht mehr gesehen habe. Ich hoffe allen geht es gut und dass der Osterhase viele Eier versteckt hat. Hier hat er es jedenfalls nicht, aber das macht nichts.