Mittwoch, 24. Juni 2009

10. Bericht aus Togo, Juni

Etwas Afrikanisches
Als ich neulich abends durch mein Dorf ging, waren ungewöhnlich viele Menschen auf der Straße. Es hätte mehrere Morde gegeben, woraufhin ein traditionelles Verhör des verdächtigten Mörders praktiziert wurde. Der Hintergrund: In einer Großfamilie gibt es über einen längeren Zeitraum mehrere bizarre Todesfälle. Es fällt auf, dass ein Mitglied der Familie nie zu den Beerdigungen kommt, und das ist in der Ewe-Kultur, in der Beerdigungszeremonien sehr aufwendig gefeiert werden und viel bedeuten, sehr anstößig. Somit wird dieser Mann verdächtigt, etwas mit den Todesfällen zu tun zu haben, und man befragt die „Fetisheure“, Medizinmänner, denen man seherische und heilerische Kräfte zuspricht, die bestätigen, dass der Verdächtigte ein Mörder sei. So kommt es schließlich zu dem Verhör, bei dem der Beschuldigte völlig entblößt vor der gesamten Dorfgemeinde kniet und gestehen muss. Als schuldig befunden, wird dem Verurteilten am nächsten Tag Urin der dorfältesten Frauen zu trinken gegeben und die Haare abrasiert, damit er als Täter gebrandmarkt ist und aus der Dorfgemeinde verstoßen werden kann.

Ich wurde mal gefragt, ob ich in Togo viel auf Zauberei stoßen würde. In der Tat ist das, was man bei uns als Aberglaube bezeichnen würde, etwas ziemlich alltägliches hier. Nach Einbruch der Dunkelheit sollte man nicht mehr pfeifen, da davon die Dämonen geweckt würden. Bevor man bei Krankheitsfällen in ein Krankenhaus geht, wird auf dem Dorf fast grundsätzlich der bei weitem kostengünstigere Fetisheur aufgesucht, der mit Hilfe von Magie und Naturheilkunde versucht Kranke zu heilen.
Da das Schuljahr mehr oder minder offiziell seit Anfang Juni beendet ist, haben mein Mitfreiwilliger Robert und ich eine kleine Reise in das Nachbarland Benin unternommen. In der historischen Kleinstadt Abomey waren wir auf einem Voodoomarkt. Man sagt, auf einem Voodoomarkt kann man alles kaufen. Wir haben Unmengen von verwesten Affen-, Katzen-, Hunde-, Pferde-, Krokodilköpfen, einen Löwenkopf, einen Nilpferdkopf, alle möglichen Arten von toten wie lebendigen Greif- und Urwaldvögeln, Schlangen, Chamäleons und Schildkröten, Leopardenhaut, Elefantenhaut gesehen. So etwas kauft man seinem Fetisheur, und der zaubert daraus dann irgendetwas. Benin gilt zwar als Voodoohochburg, aber solche Märkte findet man in Togo auch.
Wie so einige andere Male während unserer Afrika-Tourismusreisen haben wir uns nicht nur unglaublich fehl am Platz, sondern auch ein bisschen mulmig gefühlt, wenn uns die Händler nach unseren Bedürfnissen fragten und todernst von der Magie ihrer Tierkadaver sprachen. Damit wir überhaupt irgendeinen offiziellen Grund hatten dort zu sein, habe ich immer nach einem Elefantenkopf gefragt, aber da wir keine Bestellungen aufgeben wollten, wurden wir stets nach Cotonou, einer anderen Stadt im Benin, verwiesen. Unser etwas eigenartiger Hotelbesitzer, der uns zu diesem Markt fuhr, meinte, der Markt wäre wegen der vielen Geister ein gefährlicher Ort für ihn, aber mehr dürfe er uns nicht sagen, weil wir nicht in den Voodookult eingeweiht wären.

Was für ein Glück, sagte unser Hotelbesitzer, denn noch am selben Abend würde eine Voodoozeremonie ganz in der Nähe stattfinden, die wir uns ankucken sollten.
Noch auf dem Mototaxi, in Benin wie in Togo erstes öffentliches Verkehrsmittel, wurden wir von den Motorradfahrern gefragt, ob wir rennen könnten. Denn das wäre bei der Zeremonie dringend nötig.
Auf der Zeremonie selbst fanden wir ungefähr fünfzehn aufwendig verkleidete, zum Teil tanzende Menschen, die von gut hundert normalen Menschen umringt waren. Die verkleideten Menschen waren Tote, die auf die Erde zurückgekommen waren, die normalen Menschen waren Schaulustige. Die Verkleideten, bewaffnet mit Stöcken und Peitschen, waren hauptsächlich damit beschäftigt, in die Schaulustigenmenge zu laufen und wild drauf einzudreschen. Das war der Part, wo wir weglaufen mussten. Wenn ein Schaulustiger gefangen war, musste der zahlen oder er wurde geschlagen.
Wir konnten leider keinem der Menschen dort mehr Informationen über dieses Spektakel entlocken, ob sie es nicht wollten oder nicht besser wussten weiß ich nicht. Natürlich kam so ein verkleideter Halbtoter auch bald auf Robert und mich zu und wollte ziemlich viel Geld haben, denn auch Halbtote sind nicht farbenblind. Wir haben uns dann schnell aus dem Staub gemacht.

Benin war ein schöner Abschluss. Wir haben neben Abomey auch noch die Küstenstädte Ouidah und Cotonou bereist. In der sehr angenehmen und ruhigen Kleinstadt Ouidah sind wir die „Route des esclaves“, die Straße, auf der noch im 19. Jahrhundert zehntausende von Sklaven zum Strand getrieben wurden um verschifft zu werden, entlang gegangen und haben abermals etwas über die Sklavenzeit und die Sklavenhandelsstadt Ouidah erfahren.
Nahe der stinkenden Großstadt Cotonou haben wir das Dorf Ganvié besucht, eines von vielen auf Stelzen erbauten Dörfern auf dem Nokoué-See. Das dort lebende Tofinu-Volk hat sich im 18. Jahrhundert auf der Flucht vor Sklavenhändlern auf diesen See zurückgezogen und Hütten aus Bambus auf dem Wasser gebaut. Die Menschen leben fast einzig und allein vom Fischfang und man würde sie definitiv als unglaublich arm bezeichnen. „Ah, das Geld kommt“, wurden wir begrüßt und ansonsten skeptisch und böse beäugt. Wir waren dort nicht willkommen und es war äußerst unangenehm, mit der Piroge wie durch einen Zoo zu fahren.

Nun sind wir wieder in Togo in unserer lieben Gastfamilie, verabschieden uns von Freunden, Schülern und Kollegen und packen für Deutschland. Die vergangenen Jahre sind immer schneller vergangen, doch dieses Jahr hat alles getopt. Ich kann es nicht glauben, dass ich in wenigen Tagen wieder in Deutschland sein werde und mein Auslandsjahr in Afrika bereits beendet sein soll.

Schlusswort
Auf der Rückfahrt von Abomey nach Kpalimé, von Benin nach Togo, fuhren wir rund achtzig Kilometer auf härtester Lehmboden-Schlagloch-Piste zusammen mit fünf Afrikanern auf der Ladefläche eines chinesischen Transporters. Während wir gut mal einen halben Meter hoch und auf der Ladefläche hin und her flogen, fuhren wir durch den afrikanischen Busch und abgelegenste Dörfer, in denen ein weißes Gesicht zu einer wahren Sensation zählt und der westliche Drang seinen Körper mit Kleidung zu bedecken noch nicht so verbreitet ist.
Eine Achterbahnfahrt; doch die fünf Beniner, die für ihren chinesischen „Patron“ und Fahrer des Transporters in Togo Wasserpumpen installieren sollten, waren die Ruhe selbst.
Irgendwie kam mir auf dieser Ladefläche der Gedanke: „Das ist Leben“. Das ist Afrika. Und wir dachten darüber nach, was wir in diesem Jahr so erlebt haben, was wir zurücklassen werden und wie wir uns in Deutschland wohl wieder einleben würden.

Ich lasse in Togo nicht nur Freunde, Kollegen und eine sehr liebenswerte Gastfamilie zurück, sondern eine andere Welt. Afrika hat etwas Faszinierendes. Mit Sicherheit gibt es im Amazonas beeindruckenderen Regenwald als das bisschen Buschland in Agou; der Wasserfall in Kpimé ist kleiner als die Niagarafälle; und Abomey ist historisch und kulturell kein Vergleich zu Rom oder Athen.
Ich frage, was man mit Mangos alles machen könne und denke dabei an die vielseitige Verwendung der Äpfel in Deutschland. Nun wir, wir essen sie, was seine Antwort (Gespräch zwischen weißem Arzt und Togoer in „Fufu ist keine Götterspeise“). Vielleicht ist es diese Einfachheit. Die Sorglosigkeit und die Lebensfreude. Die Gelassenheit und der Humor. Die strahlenden, winkenden Kinder.
All die schönen Dinge, die das Leben trotz der tief greifenden Probleme dieses Landes auch bestimmen und im Kontrast stehen zu der schon so festgefahrenen Leidensmentalität.
Weißer, gib mir das Geld. Weißer, ich leide. Was soll man darauf antworten?
Mein ältester Gastbruder (20) ist bereit für Europa. Er ist sich ganz sicher: Sobald sich ihm eine Möglichkeit bietet, ist er weg aus Togo. Er könne in Togo keine seiner Ziele realisieren. Er wird nächstes Jahr sein togosches Abitur absolvieren, doch mit welcher Perspektive? Bauer, Schneider, Taxifahrer, Friseur werden, oder in irgendeiner Form für den Staat arbeiten? Er will selbst Politiker werden und dieses Land verändern.
Ein großes Ziel, aber auch im kleineren Rahmen hat seine Argumentation Inhalt. Auch während der Diskussion über den „kulturellen Austausch“ in meiner Troisième (10. Klasse) wurde mir noch einmal bewusst, dass es doch verdammt ungerecht ist, dass ich ein Jahr lang Erfahrungen in Togo sammeln darf aber kaum einer meiner Schüler jemals europäischen Boden betreten wird. Dass ein Jugendlicher in Deutschland mehr Taschengeld bekommt als mein Gastvater im Monat verdient. Dass mein togoscher Gastbruder nach seinem Abitur aus Mangel an Möglichkeiten nicht weiß, was er aus seinem Leben machen soll, und ich nach meinem Abitur auf Grund vom Überfluss an Möglichkeiten nicht weiß, was ich mit meinem Leben anstellen soll.
Es ist schwierig, die Menschen in Afrika für eine allmähliche Entwicklung in kleinen Schritten zu motivieren, von denen erst ihre Kinder oder gar Enkelkinder profitieren werden, wenn im Norden die große Schwester auf dem High-Speed-Entwicklungsstrahl vorbei rauscht und auf dem Weg ihre verlockenden, nach Wohlstand riechenden Abfallprodukte auf die Schwester im Süden fallen lässt. Ich nehme an, auch in Europa es ist schwierig, nach fast fünfzig Jahren Unabhängigkeit und „Entwicklungshilfe“ bei sehr mageren Fortschritten und zu Zeiten einer Weltwirtschaftskrise weiterhin zu Engagement, Verantwortung und Solidarität in der Entwicklungszusammenarbeit zu motivieren. Europa kann und wird Afrika nicht „entwickeln“. Aber Europa hat das geistige und das finanzielle Potential, gezielt Initiativen zu unterstützen, die einer sensiblen und weitsichtigen Entwicklung förderlich sind. Und mit „Europa“ meine ich auch jeden Einzelnen meiner Leser.

Ich bedanke mich bei allen, die mich dieses Jahr lang begleitet haben, an meinen Erfahrungen teilnahmen oder sich ab und zu mit Grüßen aus der Heimat oder aus anderen Ecken der Welt gemeldet haben. Ich hoffe, ich konnte dem einen oder anderen Afrika etwas näher bringen und Interesse wecken. Ich bin überglücklich, die Chance, so wertvolle Erfahrungen in einem afrikanischen Land sammeln zu können ergriffen zu haben und bereue keinen einzigen Tag meines Aufenthaltes.

Ich möchte mich bei meiner Familie und meinen Freunden bedanken, die mich das ganze Jahr über moralisch unterstützt und beraten haben.

Ich bedanke mich bei meinen Förderern, die mir durch die finanzielle Unterstützung dieses Jahr ermöglicht haben.

Ich bedanke mich bei meinem ehemaligen Sportlehrer aus der Oberstufe, ohne den meine Schüler in Togo bis heute mehr Ahnung von den einzelnen Sportdisziplinen hätten als ich, und ohne den ich kaum in der Lage gewesen wäre, Sport zu unterrichten.

Und ich bedanke mich bei Jenen, die nach meiner ersten Email aus Togo dachten was will der denn?...und trotzdem weiter gelesen haben.

Ich freue mich auf Freunde und Familie, auf gutes Essen, auf Autofahren, auf Internet und Nachrichten, auf keinen Durchfall und auf den Anfang eines neuen Lebensabschnittes als Student.

In dem Sinne: Tschüß! Und bis demnächst.

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