In diesem neunten Bericht geht es neben den aktuellen Geschehnissen um das Thema Entwicklungshilfe. Im Gespräch über „Afrika“ ist dieses Thema unumgänglich, und auch ich habe allerhand Erfahrungen hierzu gesammelt und mir viele Gedanken gemacht.
Es ist ein ziemlich schwieriges und kontroverses Thema, das man von vielen Seiten belichten und analysieren müsste um wirklich reflektiert und begründet schlussfolgern zu können, über das man Bücher schreiben könnte und am Ende wieder am Anfang ist. Dennoch versuche ich hiermit einen Anfang zu machen.
Meine Organisation
In Togo gibt es so viele NGOs, die sich einen ganzen Fächer von Entwicklungsbereichen auf ihre Fahne schreiben (so auch CDH); häufig dienen sie aber hauptsächlich als Arbeitsplatz und finanzielle Absicherung für ihre Mitglieder.
„Campagne des Hommes“ heißt die NGO für die ich offiziell arbeite, und deren Hauptjob ist es eigentlich, die Freiwilligen auf Projektkooperationen und Gastfamilien zu verteilen.
Die meisten Freiwilligen sind eher unzufrieden mit CDH. Zum einen, weil unser Chef zu sehr in die eigene Tasche wirtschaften würde, zum anderen, weil unser Chef eigentlich gar nicht unser alleiniger Chef sein sollte, denn in der Verfassung der NGO sind demokratische Strukturen ziemlich genau festgelegt. Da kann aber keiner etwas gegen machen, weil der Chef das Geld aus Deutschland verwaltet und die anderen Mitglieder und Gastfamilien bezahlt, und somit alle von ihm abhängig sind und selbst ein Putsch letztendlich nur dem Ende der Nahrungskette schaden würde, denn der Chef hat schon soweit ausgesorgt, dass er nicht mehr abhängig von CDH ist. Und die zahlende Organisation in Deutschland, die letztendlich auch die Spendengelder meines Spenderkreises an CDH überweist, sagt, solange es uns Freiwilligen gut geht, sind sie glücklich, überhaupt mit einem Partner hier zusammenarbeiten zu können. Wir sollten uns lieber auf den kulturellen Austausch konzentrieren.
Mittlerweile habe ich das so akzeptiert. Mir geht es gut, ich bin sehr zufrieden mit meinem Job als Sportlehrer, und allgemein engagieren sich alle Freiwilligen in förderungswürdigen Projekten wie Blindenschule, Behindertenschule, Taubstummenschule (…), denen es sonst an unentgeltlichen Arbeitskräften mangeln würde. Man könnte auch argumentieren, dass wir Freiwillige mit unserer bloßen Schulbildung ohnehin gar nicht in der Lage sind, „Entwicklungshilfe“ zu leisten.
Entwicklungshilfe
Dass dies dennoch möglich ist, habe ich vor einigen Monaten auf der Farm eines Freundes gelernt. John hat Forstwirtschaft in Wales studiert und dort für eine NGO gearbeitet, um schließlich in sein Heimatland Togo zurückzukehren und dort eine Musterfarm zur nachhaltigen Landwirtschaft aufzuziehen. Die Idee ist, Aufklärungsarbeit am Beispiel dieser Farm zu leisten, Workshops anzubieten und Alternativen zur schädlichen Landnutzung und Umweltzerstörung, wie der nur kurzzeitig ertragsreichen aber weit verbreiteten und zerstörerischen Brandrodung, der Benutzung von Pestiziden oder der Verschmutzung von Grund- und Flusswasser zu entwickeln. Das Projekt ist noch in der Aufbauphase und die Farm liegt mitten im Busch, wo es ziemlich viel Arbeit und wenige freiwillige Helfer gibt.
Finanzieren tut John das Projekt aus eigenen Ersparnissen und über seine Kontakte in Wales wirbt er um Freiwillige.
John hat uns ziemlich beeindruckt und ermutigt, denn er verkörpert den Typus von Entwicklungshelfer, der unserer Meinung nach in Togo so dringend von Nöten ist: Bildung, Eigeninitiative und Opferungsbereitschaft in seinem Heimatland etwas zu bewegen und zum Positiven zu verändern an Stelle von Resignation und Unterschlagung.
Ob in Togo, Ghana, Burkina oder Niger; häufig trifft man auf Projekte die aus Europa finanziert werden. In Burkina, laut UN das dritt-ärmste Land der Welt (LonelyPlanet 2006), sind wir auf einwandfreien Straßen gefahren und am Straßenrand standen Schilder die verlauten ließen „von der EU finanziert“.
In einem Nachbardorf von uns in Togo hat sich der togolesische Präsident kürzlich eine Residenz bauen lassen, die ziemlich aus den umliegenden Lehmhütten heraussticht. Als sie noch im Bau war, haben wir uns mit einem Bauarbeiter darüber unterhalten, ob er es nicht auch pervers fändt, dass im ganzen Land eine Brücke nach der anderen einstürzt und einige Hauptverkehrsadern mangels Reparatur nicht mehr befahrbar sind, während der Präsident sich seine Privat-Paläste baut. Der hat uns dann ernsthaft entgegengehalten, dass für die Infrastruktur doch die europäische Union zuständig sei.
Das Europa hilft und Afrika geholfen werden muss, wird als selbstverständlich empfunden. Durch eine solche „Entwicklungshilfe“ scheinen mir aber vielmehr Abhängigkeit und gefühlte Hilfsbedürftigkeit gefördert als Initiativen und Perspektiven geschaffen zu werden. Das ist keines Wegs Hilfe zur Selbsthilfe.
Wie kann also sinnvoll geholfen werden?
Große Probleme Togos sind beispielsweise der Mangel an „good Governance“, also einer demokratischen Regierung die im Interesse der Bevölkerung handelt, und die medizinische Versorgung. Ein wahres Entwicklungshemmnis stellt aber auch die Lethargie und die Resignation der Bevölkerung selbst dar. Basierend auf meinen gesammelten Erfahrungen allgemein und als Lehrer würde ich folgende Gründe dafür nennen:
1. Mangel an Möglichkeiten zur Entfaltung, Förderung und Entwicklung individueller Potentiale (Bildungsmöglichkeiten und -Bedingungen)
2. Mangel an Zielen und Perspektiven, die zur Motivation der unter 1. genannten Begriffe anregen, Initiative und Kreativität wecken und „Entwicklung von Innen“ fördern würden (Mangel an Arbeitsplätzen)
Ziel sollte die Schaffung einer gebildeten, motivierten, kreativen und mental- wie real-unabhängigen Gesellschaft sein. Das ist für mich die Basis für Entwicklungspotential. Im Bereich der Bildung muss also etwas passieren: Schulen und Universitäten müssen unterstützt und Bildung bezahlbar gemacht werden, Bibliotheken und Internetzentren gefördert und Räume zur (Weiter-) Bildung geschaffen werden (Studienzentren). Als Motivation und Perspektive könnten zunächst Stipendien und Austauschprogramme dienen, bei denen Akademiker beispielsweise Arbeitserfahrungen in einem Industrieland sammeln können und der kulturelle Austausch gefördert wird. Denn die Völkerverständigung und die Aufklärung über das Mysterium Afrika unserseits und das Mysterium Europa seitens der Afrikaner ist ein nicht zu unterschätzender Beitrag zur Entwicklung.
Mein FSJ als Entwicklungshilfe
Schon in meinem Einführungsseminar in Togo im August wurde mir der „Mythos“ von Europa als ein großes Problem erklärt. Europa, da wo das Geld an den Bäumen wächst und es täglich Geschenke regnet. Europa, der Geldgeber und Retter in der Not. Europa, ohne das Afrika nicht überleben oder sich „entwickeln“ kann. Nicht nur in Bartholomäus Grills sehr lesenswerten Afrika-Buch mit dem unansprechenden Titel „Ach, Afrika“ wird es beschrieben; auch in Wirklichkeit bin ich hier schon Menschen begegnet, die die Rückkehr der Europäer nach Afrika, eine quasi Re-Kolonialisierung wünschen. Wird durch „Entwicklungshilfe“, durch Abgaben aus dem reichen Europa in das arme Afrika diese (mentale) Hilfsbedürftigkeit nicht noch gefördert? Wird nicht Eigeninitiative und „Entwicklung von innen“ hierdurch untergraben? Ich bin momentan an einem Punkt an gelangt, an dem ich viele „Entwicklungshilfen“ sehr kritisch betrachte. Meiner Meinung nach wäre es viel sinnvoller, Menschen wie John und ihre Ziele zu fördern als in Burkina Faso Straßen zu bauen.
Meine eigene Gastmutter wollte mir par tout nicht abnehmen, dass es auch in Europa arme Menschen gibt. Ob die armen Menschen in Europa denn schwarz wären, hat sie mich dann gefragt. Erst ein paar Fotos von Verwahrlosten Weißen aus dem Internet, die ich ihr als Obdachlose Deutsche verkauft habe, haben sie schließlich überzeugt.
Für die letzten Schulwochen meiner Troisième (ca. 16-26 Jahre) habe ich ein neues Programm angefangen: Inter-kultureller Austausch. Ein weites Thema, mit dem keiner der 60 Zehntklässler auf Anhieb etwas anfangen konnte, das mittlerweile aber unglaublich interessant wird und auch mir viele neue Erkenntnisse und Fragen liefert. Ich zitiere meine Schüler: Wenn ich einen Weißen auf der Straße sehe,…
…möchte ich weiß sein
…frage ich mich, warum Gott meine Haut schwarz und seine weiß gemacht hat
…denke ich: Es waren sie, die unsere Großeltern gekauft haben
…frage ich mich, wann auch wir, die Schwarzen, in ihrem Land sein dürfen
…möchte ich sein Freund werden
Was ich Monsieur Lennart schon immer einmal Fragen wollte:
…ob man in Europa wirklich denkt, dass die Afrikaner Affen wären
…was er denkt, wenn er einen Schwarzen leiden sieht
…ob ein Schwarzer in Europa Weiße unterrichten könnte
…ob Macht vererbbar ist
…ob Monsieur Lennart Kinder hat
So gut ich kann, versuche ich Aufklärungsarbeit über Europa zu leisten, aber manchmal kann ich den Ansprüchen meiner Schüler kaum gerecht werden, weil ich keine Antwort weiß. Das freut mich dann trotzdem, denn letztendlich habe ich das Gefühl, Interesse und Kreativität geweckt und schlichtes Nachdenken gefördert zu haben, was die Schüler in anderen Fächern, wo es nur um abschreiben und auswendig lernen geht, weniger gewohnt sind. Das ist ein kleiner Schritt vorwärts und vielleicht mag man so etwas ja auch als Entwicklungshilfe bezeichnen.
Aktuelles
Hier ein Bruch und ein paar Infos darüber, was in der letzten Zeit so passiert ist.
Freund Steffen und Freund Christian waren für zwei Wochen zu Besuch, in denen wir viel erlebt haben. Touriprogramm waren Wasserfall, Buschwanderung, Bergbesteigung, Besichtigung eines Kolonialschlosses, Markt, Lomé, Kpalimé und Agou, eine Runde Paragliden für Christian (und für den Rest nicht, denn da wart der Wind zu stark) und Momos Trommelgruppe. Meinen Gastvater aka „Arbeitstier“ Theo haben wir auf sein Feld begleitet, wo die beiden sich mit dem Coupcoup (Machete) auspowern konnten und ordentlich Blasen an den zarten Yovo-Händen eingefangen haben, sodass sie abends leider kein Fufu mehr stampfen konnten. In meinen Unterricht haben sie mich begleitet; im Kindergarten war nur Steffen mit, weil Christian diesen aus Angst vor Typhus ablehnte. Viel afrikanische Pangne(Stoff)-Kleidung haben sie sich schneidern und Stühle von Momo (Freund und Begleiter der ersten Reise) schnitzen lassen, wobei Christian mit dem Resultat des von ihm selbst ausgewählten „Lübi-Lübi“-Motifs nicht recht zufrieden war, denn laut Momo ist der „Lübilübi“ ein Tier mit einer langen Rüsselnase, das flügelschlagend mit den Achseln Ameisen fressen sollte, letztendlich glich es aber eher einem Krokodil. Gerechterweise haben die beiden auch den togolesischen Durchfall kennengelernt, unter dem eigentlich alle Freiwilligen die meiste Zeit über leiden.
Neunzehn Paar Sport- und Fußballschuhe sind bei der Spendenaktion zusammenbekommen; dafür bedanke ich mich sehr herzlich im Namen meines Collèges bei allen Spendern und Spenderinnen, namentlich besonders beim größten Spender und renommierten Spaßkicker-Club „Dynamo Heimfeld“. Mein Schulleiter betet für euch.
Sowohl Unabhängigkeitstag (27. April) als auch der Tag der Arbeit fielen in die Aufenthaltszeit meiner Besucher, sodass wir auch diese Festlichkeiten gemeinsam genießen konnten. Am Unabhängigkeitstag sind, ähnlich wie am Jahrestag der Machtübernahme der bis heute regierenden Partei RPT (13. Januar 1967), tausende von togolesischen Schülern, darunter auch meine, Gewerkschaften, Zünfte und andere Vereinigungen in Reih und Glied im Gleichschritt vor den Regierenden marschiert. Eine große und eindrucksvolle Parade die meiner Meinung nach mehr an Kindersoldaten als an Unabhängigkeit erinnert.
Der 1. Mai hingegen war eine große Party, die wenig politisch motiviert schien. Ein kleiner Marsch einiger Beamteten, an dem auch wir teilnahmen, hin zum Ort der Feier; eine Rede, in der den Regierenden für die Feier gedankt wird; eine Rede der Regierenden darüber, dass nun alles besser wird. Und dann wurde freudig gespeist und gesoffen, jede Branche für sich (Schneiderinnen, Friseuse, Lehrer), dröhnende Musik aus den obligatorischen Lautsprechern und parallel Blas- und Trommelmusik und schließlich gemeinsam getanzt. Eine Bombenatmosphäre, für die ich Afrika lieben gelernt habe.
Am 6. Mai hatte meine Troisième (10. Klasse) ihre Sportabschlussprüfungen in den Disziplinen Ausdauerlauf, Weitsprung und Kugelstoßen. In den Wochen vor den Examen hatte ich einige Wochenenden geopfert um mit den Schülern zu trainieren, wobei ich auf ungekannte Motivation, Ehrgeiz und Prüfungsangst meiner Schüler gestoßen bin. Ein Schüler hat sich drei Tage vor dem Prüfungstag beim Weitsprungüben ziemlich mies seine Kniescheibe aus der Verankerung geschlagen, sodass der für längere Zeit – wenn überhaupt wieder – kein Sport mehr machen kann, geschweige denn an den Examen teilnehmen konnte.
Laut dem unsympathischen Prüfungschef waren alle meine Schüler eine halbe Stunde zu spät, denn spontanerweise hätte die Prüfung bereits um 6:30 und nicht erst um 7:00 beginnen sollen. Nach einigen Schuldzuweisungen zwischen Prüfungschef und meinem Schulleiter hat man sich schließlich darauf geeinigt, dass die Schüler selbst an allem Schuld sind und wollte die Hälfte zunächst durchfallen lassen, aber mit viel Lachen und Schleimen und Rumshakerei durften doch alle die Prüfung absolvieren. Schlechte Leistungen wurden konsequent von Prüfern und Kollegen beschimpft oder herablassend belacht, während ich die Entmutigten wieder zu motivieren versuchte. Bei den Ergebnissen haben die Prüfer eine Menge nach oben korrigiert; zum einen, da die 1982 in Frankreich entworfenen Bewertungsskalen, nach denen auch ich im Unterricht bewerten sollte, kaum zu bewältigen sind, zum anderen, um die Ergebnisse der Schulen ihres Zuständigkeitsbereichs vor ihren Vorgesetzten in gutes Licht zu rücken. Damit werden die Endnoten meiner Schüler ziemlich willkürlich sein und kaum ihre wahre Leistung widerspiegeln. Wie so oft hier wird sich nicht an Regeln gehalten, es wird gefeilscht und betrogen, Verantwortung von sich gewiesen und man fügt sich dem Stärkeren. Und dabei immer lachen. Denn es ist alles ein großer Witz.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen